Einleitung
Wer sich im Alltag durch Brüssel bewegt, begegnet einer Vielzahl von Sprachen, die über die zwei Amtssprachen hinausgehen. Neben zweisprachiger öffentlicher Betextung, etwa Straßenschildern, Bahnhofsdurchsagen oder Werbeplakaten, zeigt sich zugleich ein Kontrast zur mündlichen Alltagskommunikation, in welcher das Französische oft dominiert.
Brüssel gilt vor allem aufgrund seiner zentralen Position im EU-Kontext und der Beherbergung des NATO-Hauptquartiers als besonders multikulturell. Diese besondere Stellung begründet seine ausgeprägte linguistische Diversität und beschleunigt stetige sprachliche Entwicklungen der Bewohner*innen der belgischen Hauptstadt.
In diesem Artikel soll es darum gehen, welche Sprachen im Brüsseler Alltag tatsächlich verwendet werden und inwieweit von einem Gleichgewicht zwischen den beiden Amtssprachen Französisch und Niederländisch gesprochen werden kann. Dabei wird auf Brüssels besondere Rolle als multikultureller Raum verwiesen und die sprachliche Situation in der Region Brüssel-Hauptstadt untersucht.
Die sprachliche Entwicklung in Brüssel: Vom Mittelalter bis in die Gegenwart
Während die nationale Sprachenordnung Belgiens klar an der Aufteilung in drei Sprachgemeinschaften orientiert ist, zeigt sich in der Region Brüssel-Hauptstadt eine im Vergleich zu den genannten Sprachgemeinschaften besonders komplexe und dynamische Ausprägung der gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit.
An dieser Stelle steht die linguistische Entwicklung hin zum offiziell bilingualen Brüssel im Vordergrund:
Brüssel gilt heute als offiziell zweisprachige Stadt, „was per Gesetz garantiert ist“[1]. Demnach besitzen Französisch und Niederländisch rechtlich den gleichen Status und werden gleichberechtigt als Amtssprachen angesehen. Dennoch koexistieren in der Realität „zwei voneinander unabhängige Netzwerke der beiden Sprachen in der Stadt“[2]. Dabei ist das Französische die dominantere Sprache, da es in der Vergangenheit zu einer steigenden Verdrängung des Niederländischen durch die französische Sprache kam. Dieser Prozess der ‘Französisierung‘ hat sich im Laufe der Geschichte der Hauptstadtregion herausgebildet:
Zur Zeit der Gründung Brüssels – dessen Entstehung etwa auf das Jahr 979 datiert wird[3] – sprach die Bevölkerung den niederdeutschen Dialekt Thiois[4]. Die Stadt gehörte dem Fürstentum Brabant an, „qui pratiqu[ait] le bilinguisme dans l’emploi administratif des langues : le welche (wallon) dans le ,roman païs de Brabant’ et le thiois (flamand) sur le reste du territoire“[5]. In seinen Ursprüngen war Brüssel demnach hauptsächlich ‘niederländischsprachig‘. Als „Wegbereiter für den offiziellen Bilinguismus in Belgien“[6] kann das „erste [ …] offizielle […] herzögliche […] Dokument in Französisch“ aus dem Jahr 1253 angesehen werden[7].
Im 15. Jahrhundert kam es zur Integration des Französischen in Brüssel. Die Sprache verbreitete sich dabei nicht aus der angrenzenden Wallonie heraus, sondern als „eine Importsprache von der Ile de France [Kursivierung im Original]“[8] und unterschied sich daher vom Wallonischen. Das Wallonische galt zum genannten Zeitpunkt als Dialekt des Lateinischen. Das zeigt, dass sich „[d]as Französische der Wallonie und das Französische Brüssels“[9] in ihrer Abkunft unterscheiden.
Im Zuge der spanischen Herrschaft, sie umfasst den Zeitraum von 1556 bis 1714, wurden viele Bewohner*innen zu einer Zweisprachigkeit gezwungen. Dieser Zwang ergab sich aus der zunehmenden Bedeutung des Französischen als Amts- und Elitesprache, wodurch die Beherrschung dieser Sprache zur notwendigen Voraussetzung für sozialen Aufstieg sowie für die amtliche Kommunikation benötigt wurde. Dies brachte in vielen Fällen eine Verflechtung des Flämischen und Französischen mit sich.[10] Flämisch meint in diesem Fall die in Flandern gebrauchten Dialekte, die sich vom niederländischen Standard unterscheiden. Letzterer war zum beschriebenen Zeitpunkt in Belgien noch wenig etabliert.
Brüssel unterlag von 1714 bis zum Jahr 1795 der österreichischen Herrschaft, während der das Französische immer stärker Eingang in die Sprachrealität der Stadt fand – obwohl „die höhergestellten Schichten Sprecher einer germanischen Sprache waren“[11]. Aufgrund der Besatzung durch die österreichischen Habsburger bestand folglich eine Bevorzugung des Flämischen durch die Eliten, die später mit der belgischen Staatsgründung und der damit einhergehenden „erneute[n] Stärkung des Französischen in den herrschenden Schichten“[12] aufgebrochen wurde. Französisch setzte sich im Zuge dessen als dominante Sprache durch. Diese Entwicklung hatte nach Baetens Beardsmore vor allem drei Gründe:
Erstens wurde der Parteiapparat in dieser Zeit zentralisiert und französisiert. Zum zweiten war der Einfluß der oberen französischen Klassen durch ihre industrielle Dominanz sehr viel stärker als derjenige der Flamen. Zum dritten war zu dieser Zeit die flämische Schulbildung so schlecht organisiert, daß viele flämischsprachige Schüler Französisch lernen mußten, um dem meist in Französisch gehaltenen Unterricht folgen zu können[13]
Im Zusammenhang mit der Französischen Revolution kam es am Ende des 18. Jahrhunderts zu einem tiefgreifenden Sprachwandel, der Französisch allmählich „im nationalen Kontext zur dominanten Sprache in Brüssel machte“[14]. Das Französische entwickelte sich zum zentralen Instrument der Staatsgewalt und übernahm fortan eine tragende Rolle in der Verwaltung. Die Sprache löste sich von ihrer Position als Sprache der Oberschicht hin zu einem obligatorischen Standard. Rückblickend begründet dies, dass viele der heutigen Frankophonen aus der niederländischsprachigen Bevölkerung stammen, „die durch die Sprache an die frankophone Kultur assimiliert wurde[n]“[15]. Das heißt konkret, dass sich die französische Sprache durchgesetzt und vermehrt niederländischsprachige Sprecher*innen französisiert hat.
Während der französischen Besatzungszeit zwischen 1795 und 1814 fand die französische Sprache zudem erstmals Eingang in die Bildung und löste das Lateinische als bisherige Bildungssprache ab: Französisch wird in der Grundschulbildung verpflichtend. Diese war jedoch nur unter den elitären Bürger*innen verbreitet.
Bis zur belgischen Sprachgesetzgebung von 1960 bis 1965 galt Brüssel als nationaler Schmelztiegel „der radikalen Kräfte in Belgien, die Belgien sozioökonomisch und politisch in zwei Lager teilten“[16]. Während sich im Rest des Landes Sprachgebiete bildeten, erhielt Brüssel den Status einer offiziell bilingualen Stadt[17].
Vor dem ausgeführten Hintergrund handelt es sich bei Brüssel folglich um eine heute zweisprachige Stadt, die auf ursprünglich flämischem Territorium liegt.[18]
Dies erklärt eine frühere Verwurzelung des Brüsseler Flämisch – ein brabantischer Dialekt – in der Stadt.[19] Heutzutage ist dessen Sprechanteil stark zurückgegangen. Generell zeigt sich, dass es nur noch wenige einsprachige Brüsseler-Flämisch-Sprecher*innen gibt, was unter anderem an einem registrierbaren Rückgang von Sprecher*innen regionaler Varietäten liegt, der vor allem in Brüssel sichtbar ist.[20] Zugleich ist aktuell jedoch festzustellen, dass das Niederländische in Brüssel seit einigen Jahren wieder an Bedeutung gewinnt. [21]
Mehrsprachigkeit heute
Der konkrete heutige Sprachgebrauch in Brüssel wurde im Rahmen des an der Vrije Universiteit Brussel (VUB) angesiedelten BRIO-Taalbarometers bereits mehrfach untersucht.[22] Die Studie liefert aktuelle Daten zur sprachlichen Situation und konkret zur Mehrsprachigkeit in Brüssel. Dabei handelt es sich um eine Befragung von rund 2.500 Brüsseler*innen zu ihrem Sprachgebrauch, ihren linguistischen Kenntnissen und ihrer Haltung gegenüber sozialen Entwicklungen in Bezug auf Sprachen. Die Befragungen erfolgten zu fünf verschiedenen Zeitpunkten: TB1: 2001, TB2: 2007, TB3: 2013, TB4: 2018, TB5: 2024.[23]
Generell zeigt die Untersuchung auf, dass die sprachliche Diversität in Brüssel stetig wächst: Im Jahr 2001 wurden 72 Sprachen gesprochen, 106 im Jahr 2013 und rund 100 Sprachen in 2018. Im Jahr 2024 wurde zwar eine kleinere Stichprobe von 1.627 Teilnehmer*innen verzeichnet, trotzdem wurden 104 verschiedene Sprachen registriert.[24]
Die Studie fasst neben anderen Aspekten die zehn meistgesprochenen Sprachen in den genannten Jahren zusammen. Dabei stellt sich heraus, dass die jeweiligen Sprachen in den fünf untersuchten Jahren weitestgehend identisch sind, sich allerdings hinsichtlich der Größe der Sprachgruppe über den betrachteten Zeitraum hinweg wichtige Änderungen ergeben haben:[25] So bleibt Französisch mit 81 % erkennbar die am häufigsten beherrschte Sprache in Brüssel, der Anteil sank aber zwischen TB1 und TB5 um 14 Prozentpunkte.[26]
Des Weiteren liegt Englisch heute auf dem zweiten Platz und ist im beobachteten Zeitraum weitestgehend konstant. Das liegt unter anderem an seiner Wichtigkeit für den Arbeitsmarkt. Zudem diene es als Schulsprache und ist bei der jungen Generation von hoher Wichtigkeit und Attraktivität.[27]
Bei Niederländisch ist, zumindest im Vergleich zur letzten Messung, ein Anstieg der Häufigkeit von 16,3 % auf 22,3 % zu erkennen. Dieser Aufwärtstrend ist nicht zuletzt dadurch zu begründen, dass der Sprechanteil des Niederländischen unter Jugendlichen zunimmt und es daneben vermehrt gut oder besser beherrscht wird und eine nennenswerte Gruppe von Flam*innen nach Brüssel gezogen ist. [28]
Darüber hinaus sind die Sprachen Arabisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch, Türkisch und Portugiesisch in allen untersuchten Jahren unter den Top Ten zu finden, schwanken aber in ihrer Position im Ranking der meistgesprochenen Sprachen in Brüssel. In Summe machen sie einen deutlichen Teil der Alltagssprachen aus und kennzeichnen eine sprachliche Diversität in Brüssel, die über die Amtssprachen und Englisch als internationale Verkehrssprache hinausgeht. Dennoch bilden das Französische, Niederländische und Englische den Großteil der gebrauchten Sprachen.[29]
Eine weitere Entwicklung bezüglich der drei Hauptgebrauchssprachen zeigt sich in den Sprachkompetenzen der Befragten: Der Anteil derjenigen, die mindestens zwei der Kontaktsprachen beherrschen, liegt bei etwa 50 % der Einwohner*innen. Zur gleichen Zeit nahm im Verlauf des Befragungszeitraums der Anteil jener zu, die keine der Kontaktsprachen sprechen. Dies birgt nach Mathis Saeys die Gefahr einer „maatschappelijke dualisering die voortkomt uit een dergelijke ‘taalcompetentiekloof’“[30]. Er weist ergänzend darauf hin, dass das Beherrschen mindestens einer Kontaktsprache in Brüssel von hoher Relevanz für berufliche Integration ist.[31]
In Brüssel gibt es zudem in der Regel keine Gesetzgebung, die Sprachverwendung am Arbeitsplatz regelt, da die Region offiziell zweisprachig ist. Das bedeutet, dass die Arbeitgeber*innen zwischen den Amtssprachen wählen können. Deshalb müssen „Arbeitgeber Dokumente in der Sprache abfassen, welche für das jeweils betroffene Personal zutreffend ist“[32].
Laut des linguistischen Barometers ist Französisch die Sprache, die in fast 85 % der Firmen gesprochen wird – zu 38 % alleinig, oder aber bei fast 50 % in Kombination mit Niederländisch und/oder Englisch. Für ein Viertel der Arbeitsplätze in Brüssel wird das Niederländisch als Hauptsprache ausgewiesen. Als alleinige Sprache findet es in knapp 5 % der Unternehmen Gebrauch.[33]
Während Französisch im Jahr 2001 mit über 90 % vorherrschende, alleinige Verwaltungssprache war, liegt der Anteil in der letzten Befragung bei knapp 60 %. Dagegen stieg der Anteil von Niederländisch und Französisch, also einer zweisprachigen Verwaltung, im Zeitverlauf von 3,4 % auf zuletzt 21,8 %. Zudem weitete sich der parallele Gebrauch von Niederländisch, Französisch und Englisch in administrativen Zusammenhängen auf 10,3 % aus, was damit zusammenhängt, dass Englisch im formellen Kontext an Bedeutung gewinnt.[34]
Demnach zeigt sich, dass Zwei- oder Mehrsprachigkeit in einem multilingualen Raum wie Brüssel vor allem auf dem Arbeitsmarkt unerlässlich ist. Der berufliche Kommunikationskontext sichert damit den Fortbestand der institutionellen Mehrsprachigkeit und fördert die dynamische Entwicklung sprachlicher Ressourcen. Dennoch ist in der Realität ein Ungleichgewicht zwischen den Amtssprachen gegeben: Französisch dominiert im beruflichen Kontext, Niederländisch gewinnt gleichwohl an Relevanz in Hinblick auf berufliche Chancen und Zugehörigkeit.
Ebenso zählt das Bildungswesen zu formellen Sprachkontexten, die Teil dieser Untersuchung sind. Das Schulwesen in Brüssel dient neben anderen Funktionen dazu, „die eigene Sprachgruppe zu stärken und damit den muttersprachlichen Nachwuchs zu sichern“[35]. In der Realität sind Unterschiede darin zu erkennen, wie gut Schüler*innen die jeweils andere Sprache beherrschen – abhängig davon, ob sie eine französische oder niederländische Schule besuchten:
Im Jahr 2024 sprechen weniger als 10 % der 18–30-Jährigen Niederländisch gut bis ausgezeichnet, wenn sie eine französischsprachige Schule besuchten. Dagegen liegt der Anteil derer, die eine niederländische Schule in Brüssel besuchten, dort Französisch erlernten und ihre Kenntnisse gut bis ausgezeichnet einstufen, bei 82,9 %.[36]
Ähnliche Tendenzen sind auch in der akademischen Bildung vorzufinden: Anderssprachige Bildung ist, wenn überhaupt, vorwiegend unter den flämischen Studierenden verbreitet. Das bedeutet, dass sich flämische Studierende eher für ein Studium an einer frankophonen Universität entscheiden als andersherum.[37]
Neben formellen Kommunikationskontexten spielt ebenso informeller Sprachgebrauch eine wichtige Rolle: Französisch bildet dabei konstant die wichtigste Familiensprache, auch wenn der Anteil monolingualer frankophoner Haushalte zurückgeht. Währenddessen gewann Niederländisch in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung. Niederländisch wird generationenübergreifend gesprochen, „wat wijst op een mate van taalbehoud“[38]. Gleichzeitig ist es wichtig zu bedenken, dass etwa ein Drittel der Brüsseler*innen zum befragten Zeitraum keine der beiden Amtssprachen in ihrer Familie sprechen beziehungsweise nicht in einer frankophonen oder niederländischsprachigen Familie aufgewachsen sind.[39]
Ein weiterer informeller Kontext ist das gesellschaftliche Vereinsleben, in dem niederländisch- und französischsprachige, traditionell zweisprachige oder dreisprachige Vereine zu differenzieren sind:
Während Niederländisch zu 75 % in niederländischsprachigen Vereinen gesprochen wird, wird Französisch zu fast 88 % in französischsprachigen, oder aber auch in zweisprachigen oder dreisprachigen Vereinen verwendet. Daneben kommt die Kombination mehrerer Sprachen ab 2024 vermehrt vor. Die Daten zeigen, dass Französisch dabei dominiert und Niederländisch fast ausschließlich in rein niederländischsprachigen Vereinen gebraucht wird.[40]
In Bezug auf das Verhältnis von Französisch und Niederländisch in Brüssel lässt sich abschließend ergänzen, dass Französisch zwar präsenter als das Niederländische scheint, der Sprachgebrauch sich aber hin zu einer Sowohl-als-auch-Sprachsituation entwickelt hat. Das bedeutet, dass vor allem die Kombination mehrerer Kontaktsprachen als „voorwaarde tot volwaardig deelnemen aan de Brusselse samenleving“[41]gilt. Ferner habe nach Saeys der Sprachwandel keinen negativen Einfluss auf das Niederländische.[42]
Weiterhin bildet der Einfluss von Zuwanderung auf die linguistischen Verhältnisse in Brüssel eine zentrale Rolle – insbesondere in Bezug auf den Sprachgebrauch unter Zuwanderer*innen. Der Forscher Rudi Janssens untersuchte 2007, welche Sprachen Minderheiten in Brüssel verwenden. Dabei unterscheidet er folgende Gruppen: Migrant*innen türkischer oder marokkanischer Herkunft, Südeuropäer*innen und Nordeuropäer*innen.
Janssens dient als Ausgangspunkt seiner Untersuchung eine Umfrage der VUB aus dem Jahr 2001, die aufzeigt, dass zum Befragungszeitpunkt in allen vier Gruppen mindestens 80 % der Befragten korrektes bis hervorragendes Französisch sprechen. Die Werte für Niederländisch lagen in dieser Untersuchung dagegen bei höchstens 19,5 % unter den Südeuropäer*innen, ansonsten zwischen 4,5 % und 9,3 %. Hinsichtlich der Sprachnutzung innerhalb der Familie wurde festgestellt, dass die Herkunftssprache in vielen Familien weiterhin sehr präsent bleibt und im privaten Umfeld weitergegeben wird. Dies fällt besonders bei türkischen und marokkanischen Familien auf. Teilweise werden die Familiensprachen mit Französisch kombiniert. Unter den europäischen Familien, die nach Brüssel ausgewandert sind, sei die Herkunftssprache ebenfalls bedeutend, Französisch gewinne allerdings über die Zeit eine zunehmende Relevanz. [43]
Allgemein stellt sich heraus, dass die Entscheidung der Sprecher*innen in Brüssel oftmals zwischen der Herkunftssprache und Französisch fällt – je nach Kontext und Gesprächspartner*in. Niederländisch spielt in den erhobenen Daten eine geringere Rolle als Französisch. Tatsächlich greifen Befragte neben Französisch häufiger auf das Englische zurück als auf Niederländisch.[44]
Somit gilt Französisch als lingua franca, weshalb nach Janssens festzustellen ist, „[que] les différents groupes minoritaires opèrent un retour vers cette langue au sein de la vie publique et l’intègrent même comme seconde langue familiale“[45]. Ferner konstatiert er, dass das Niederländische ebenfalls seinen Platz habe: […] pour certains groupes de minorités, sa connaissance est indispensable pour rendre les plus hautes aspirations sociales réelles via le marché du travail“[46] . Das Erlernen von Niederländisch hat folglich für Zuwanderer*innen einen beruflichen Hintergrund, während Französisch eher als Alltagssprache gebraucht wird.
Eine weitere Statistik von Janssens (2018) zeigt die Entwicklung der linguistischen Kenntnisse ausgewählter Sprachen unter 2.500 befragten Brüsseler*innen. Die Befragungszeitpunkte TB1 bis TB4 sind dabei identisch zu der obigen Studie. Faktisch gab es im Zeitraum zwischen TB1 und TB4 rund 1,9 Millionen Zuzüge aus dem Ausland nach Brüssel.[47]
Die Studie zeigt einen Anstieg der Französischkenntnisse der Zugewanderten im Zeitverlauf. Zu Beginn sprechen die Zuwanderer*innen oftmals kein Französisch, nehmen dieses zumeist jedoch an, sodass die Sprache in der zweiten Generation als Familiensprache oder Alltagssprache gebraucht wird.[48] Zwar ist diese Umfrage bereits über 20 Jahre alt, dennoch zeigt sie deutlich, dass die französische Sprache auch bei der Integration eine wichtige Rolle spielt. Ferner wird deutlich, dass die Herkunftssprachen eine zentrale Rolle einnehmen und im privaten Umfeld in Brüssel vielfach gesprochen werden, was die sprachliche Diversität in Brüssel ebenfalls verstärkt. Dies erfolgt in erster Linie durch eine Anreicherung des Sprachraums durch verschiedene Herkunftssprachen, die als zentrale Identitätsmerkmale erhalten bleiben und das Sprachspektrum der Stadt erweitern. [49]
Linguistic Landscape in Brüssel
Um die linguistic landscape in Brüssel genauer zu betrachten, lohnt sich an dieser Stelle der Einbezug einer Studie von Vandenbroucke (2020). In dieser Arbeit hat sie untersucht, welche Sprachen auf kommerziellen Schildern in drei Einkaufsstraßen in Brüssel Verwendung finden. Dabei hat sie sich auf die Louizalaan/ Avenue Louise, Brabantstraat/ Rue de Brabant und die Nieuwstraat/ Rue Neuve konzentriert. Die Wahl der Straßen ist damit zu begründen, dass diese sich in unterschiedlichen Stadtteilen befinden, deren Bewohner*innen mutmaßlich unterschiedliche Erstsprachen sprechen.
Generell wird herausgestellt, dass offizielle Schilder im Brüsseler Raum immer zweisprachig sein müssen – dies gilt beispielsweise für Namen von Metrostationen – während die Wahl der Sprache bei kommerziellen Schildern frei ist.[50]
Ihre Untersuchungen heben vor allem die Relevanz des Englischen in der Betextung hervor.[51] Besonders in der Rue Neuve sind viele Beschriftungen auf Englisch, viele Geschäftsketten nutzen dagegen Französisch und Niederländisch, was Niederländisch dort präsenter macht als an den anderen Orten. Im Allgemeinen tritt Niederländisch an allen drei Untersuchungspunkten selten, und dann vor allem in Kombination mit Französisch auf. Ansonsten ist Französisch die dominantere Sprache.[52] Auffallend ist zudem, dass die Häufigkeit von Arabisch und Türkisch auf den Schildern in der Rue de Brabant, die in einem Viertel mit erheblicher Zuwanderungsrate liegt, hoch ist, was belegt, dass die Geschäfte die ansässige Gesellschaft repräsentieren und ihre Herkunftssprachen miteinbeziehen.[53]
Neben kommerziellen Beschilderungen betont Vandenbroucke ferner, dass touristische Informationsschilder in Brüssel gleichermaßen in Französisch und Niederländisch und zusätzlich auf Deutsch und Englisch beschriftet sind. In dieser Hinsicht konstatiert die Studie eine ausgeprägte Mehrsprachigkeit, was damit begründet wird, dass mit touristischen Schildern eine möglichst große Zielgruppe angesprochen werden soll.[54]
Zusammenfassend gewährt die Studie einen Einblick, inwieweit die beiden Amtssprachen in der Brüsseler Öffentlichkeit repräsentiert werden und welche Position Englisch in den betrachteten Straßen einnimmt. In allen drei Einkaufsstraßen sind viele Schilder in englischer Sprache zu finden. Des Weiteren setzt sich Französisch hier als „the main lingua franca“ [55] ab.
Fazit zur Mehrsprachigkeit in Brüssel
Mehrsprachigkeit ist in Brüssel ein zentrales Thema und ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, den verschiedene Faktoren bedingen.
Die linguistische Heterogenität Brüssels erweist sich als dynamische und ungleich verteilte Mehrsprachigkeit, die stark vom gegebenen Kommunikationskontext abhängig ist. Im Hinblick auf die Frage, welche Sprachen im Alltag gebraucht werden, kommt die aktuelle Forschung zu dem Schluss, dass Französisch in der Alltagskommunikation unverkennbar dominiert und das Niederländische weniger etabliert ist. Dadurch wird deutlich, dass zwischen der offiziell verankerten Zweisprachigkeit und dem tatsächlichen Sprachgebrauch in Brüssel eine Diskrepanz vorliegt.
Demgegenüber gilt das Niederländische als wichtiges Zugangskriterium im Beruf und als wesentliche Voraussetzung zur beruflichen Teilhabe. In Brüssel ist es daher unerlässlich, zwei- oder mehrsprachig zu sein, um im Beruf erfolgreich zu sein. Somit kann festgestellt werden, dass das Niederländische zwar hinsichtlich seiner quantitativen Stellung in Brüssel nicht mit dem Französischen gleichgestellt ist, seine Beherrschung aber im beruflichen Kontext einen signifikanten Vorteil verschafft und diese Tatsache zur Stabilisierung der (institutionellen) Mehrsprachigkeit beiträgt.
Ferner liegt in Brüssel eine hohe sprachliche Diversität durch Migration vor, welche als wichtiger Motor für sprachliche Dynamiken gilt. Im migrantischen Integrationskontext überwiegt die Sprachbeherrschung des Französischen, da es den größeren Verwendungshorizont bereitstellt. Niederländisch muss dennoch für die Teilhabe am Arbeitsmarkt erlernt werden.
Weiterhin lässt sich ergänzen, dass öffentliche Betextung nahezu gänzlich bilingual vorzufinden ist. Diese Feststellung trifft in erster Linie auf öffentliche Beschilderungen zu, für die Bilingualität sprachgesetzlich festgelegt ist. Für kommerzielle Schilder gilt diese Regelung nicht, weshalb diese sprachlich uneinheitlich erfolgen.
Die Mehrsprachigkeit in Brüssel unterliegt einer ständigen Aushandlung historischer Machtverhältnisse, institutioneller Strukturen und sprachlicher Praktiken. Die beiden Amtssprachen sind in den meisten Fällen ungleich verteilt, Französisch dominiert den Brüsseler Sprachraum, das Niederländische gewinnt aber nach neuesten Studien maßgeblich an Bedeutung.
Quellenverzeichnis
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Weber, P. J. (1996). Die mulitilinguale und multikulturelle Gesellschaft: eine Utopie?: Aspekte einer empirischen Komponentenanalyse zur sprachlichen Identität in Belgien. Dümmler.
[1] Weber, 1996, S. 25.
[2] Nelde, 1997, zitiert nach Weber,1996, S. 25.
[3] Vgl. Centre administratif Brucity, o. D.
[4] Vgl. Francard, 2017, S. 186.
[5] Francard, 2017, S. 186.
[6] Pirenne, 1929, S. 335ff., zitiert nach Weber, 1996, S. 25.
[7] Weber, 1996, S. 25.
[8] Weber, 1996, S. 25.
[9] Ebd.
[10] Vgl. Baetens Beardsmore, 1971, S. 30ff., zitiert nach Weber, 1996, S. 25.
[11] Weber, 1996, S. 25.
[12] Ebd.
[13] Baetens Beardsmore, 1971, S. 38ff., zitiert nach Weber, 1996, S. 26.
[14] Weber, 1996, S. 26.
[15] Ebd.
[16] Weber, 1996, S. 27.
[17] Vgl. Weber, 1996, S. 27.
[18] Vgl. Weber, 1996, S. 27.
[19] Vgl. Treffers-Daller, 2002, S. 54; im Original: Brussels Dutch, Brussels Flemish.
[20] Treffers-Daller, 2002, S. 55.
[21] Vgl. Saeys, 2024
[22] Vgl. Saeys, 2025.
[23] Vgl. Saeys, 2025, S. 1.
[24] Vgl. ebd.
[25] Vgl. ebd.
[26] Vgl. ebd.
[27] Vgl. Saeys, 2025, S. 1.
[28] Vgl. Saeys, 2024.
[29] Vgl. Saeys, 2025, S. 1f.
[30] Saeys, 2025, S. 3.
[31] Vgl. Saeys, 2025, S. 2.
[32] Krämer, 2010, S. 76.
[33] Vgl. Saeys, 2025, S. 4f.
[34] Vgl. Saeys, 2025, S. 5.
[35] Krämer, 2010, S. 76.
[36] Vgl. Saeys, 2025, S. 3.
[37] Vgl. Krämer, 2010, S. 77.
[38] Saeys, 2025, S. 3.
[39] Vgl. Saeys, 2025, S. 3.
[40] Vgl. Saeys, 2025, S. 6 .
[41] Saeys, 2025, S. 6.
[42] Vgl. Saeys, 2025, S. 6f.
[43] Vgl. Janssens, 2007, S. 73-75.
[44] Janssens, 2007, S. 76.
[45] Janssens, 2007, S. 78.
[46] Ebd.
[47] Jansssens, 2018.
[48] Vgl. ebd.
[49] Janssens, 2007, S. 75f.
[50] Vgl. Vandenbroucke, 2020, S. 1530.
[51] Vgl. Vandenbroucke, 2020, S. 1535.
[52] Vgl. Vandenbroucke, 2020, S. 1537f.
[53] Vgl. Vandenbroucke, 2020, S. 1534.
[54] Vgl. Vandenbroucke, 2020, S. 1537.
[55] Vandenbroucke, 2020, S. 1537.