Einleitung/Abstract
Die Metropole Amsterdam ist, obwohl viele Facetten des politischen Lebens und auch der Monarchie der Niederlande eher in Den Haag stattfinden, in der Verfassung des Königreichs der Niederlande als Hauptstadt festgeschrieben[1]. Auch wenn Niederländisch die einzige offizielle Amtssprache der Niederlande ist, lohnt sich ein genauerer Blick auf die reale Sprachsituation ihrer Landeshauptstadt, die nicht so eindeutig ist, wie diese Tatsache vermuten lassen könnte. Um diese Zusammenhänge zu untersuchen, soll zunächst die historische Dimension der Mehrsprachigkeit in Amsterdam in den Blick genommen werden, bevor die aktuelle Sprachsituation dargestellt wird.
Historische Perspektive auf Mehrsprachigkeit in Amsterdam
Ein Blick in die Geschichte der Niederlande zeigt, dass Mehrsprachigkeit im ganzen Land eine lange Tradition hat. Gerade Amsterdam ist schon lange von der Präsenz mehrerer Sprachen geprägt. Diese historische Dimension näher zu betrachten ist von Interesse, um die Ursprünge heutiger Mehrsprachigkeit zu erkennen und hilft dabei, ein Verständnis für die rezente Sprachsituation zu entwickeln.
Noch heute ist in den Niederlanden das Narrativ verbreitet, dass bis ins 16. Jahrhundert die niederländische Sprache nicht existierte, sondern nur Dialekte[2]. Zwar begannen Beamte und Kleriker ihren Sprachgebrauch aneinander anzupassen, trotzdem wiesen ihre Texte weiterhin eindeutig dialektale Merkmale auf[3]. Erst mit Entstehen der Republik Ende des 16. Jahrhunderts erfolgte die Etablierung der niederländischen Sprache als Form des sprachlichen Ausdrucks des republikanischen Selbstverständnisses[4]. Dabei bleibt außer Acht, dass der niederländische Sprachraum von Beginn an über eine große Vielfalt von Sprachen verfügte: Die Mehrheit der Bevölkerung zu dieser Zeit gebrauchte alltäglich weiterhin Dialekte, in der unmittelbaren Umgebung von Amsterdam sprachen die Menschen bis ins 17. Jahrhundert noch Friesisch und vor allem in den Städten im untersuchten Sprachraum wurden auch noch weitere Sprachen gesprochen[5]. Der wirtschaftliche Aufschwung, den die Republik der sieben vereinigten Provinzen zu dieser Zeit, dem sogenannten ‚Gouden Eeuw‘ (= ‚Goldenes Zeitalter‘) erfuhr, führte dazu, dass niederländische Städte und vor allem die Handelsmetropole Amsterdam viele Arbeitssuchende anzogen, sowohl aus allen sieben niederländischen Provinzen als auch aus ihrer Umgebung[6]. Geburtenregister aus dem 16. und 17. Jahrhundert zeigen, dass während dieser Zeit 58% der in Amsterdam registrierten Bürger*innen außerhalb der Stadt geboren sind und über die Hälfte davon sogar im Ausland[7]. Dadurch wurde die Stadt zu einem mehrsprachigen Schmelztiegel, in dem niederländische Dialekte und Soziolekte sowie niederdeutsche und hochdeutsche Dialekte, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und skandinavische Sprachen gesprochen wurden[8]. Viele Menschen sollen mehr als eine Sprache oder einen Dialekt gesprochen haben, davon zeugt zum Beispiel auch Literatur aus dieser Zeit[9].
Nicht nur kamen Menschen aus anderen Ländern in die Niederlande, auch die Niederlande wandte sich im Rahmen des Handels mit Asien durch die Verenigde Oost-Indische Compagnie und Afrika und der Karibik durch die West-Indische Compagnie der Welt zu und erlangte durch diese Reisen neue Produkte, Lebensmittel, Ideen und begegneten auch neuen Sprachen[10]. Durch den Kontakt mit anderen Sprachen erweiterte sich der Wortschatz des Niederländisch enorm um Namen, Lehnwörter und auch neue niederländische Ausdrücke[11]. Drucker und Setzer aus den Niederlanden waren in ganz Europa bekannt für ihre Kenntnisse in Typografie und Schrift, nicht nur im eigenen Schriftsystem – Amsterdam war zu dieser Zeit zudem das europäische Zentrum des hebräischen und jiddischen Buchdrucks[12].
Die Kenntnis anderer Sprachen sowie ihre Präsenz im eigenen Sprachgebiet ist also im 16. und 17. Jahrhundert in Amsterdam von großer Bedeutung und auch schon damals löst dieser Umstand positive wie negative Gefühle in den Niederländer*innen aus[13]. Die Perspektive auf diese Epoche zeigt daher, dass Mehrsprachigkeit die Stadt Amsterdam bereits seit Jahrhunderten prägt und dass die daraus resultierende Internationalisierung die Offenheit für andere Sprachen eine lange Tradition für die heutige niederländische Hauptstadt hat. Vor diesem Hintergrund soll nun die aktuelle Mehrsprachigkeitssituation in Amsterdam untersucht werden.
Mehrsprachigkeit im heutigen Amsterdam
Um die Mehrsprachigkeitssituation in Amsterdam besser zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf den nationalen soziolinguistischen Kontext. In den gesamten Niederlanden werden auch heute viele verschiedene Sprachen verwendet, vorherrschend ist gleichwohl Niederländisch[14]. In der Eurobarometer-Umfrage der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2023 geben 93% der befragten Niederländer*innen Niederländisch als ihre Muttersprache an, gefolgt von Friesisch (2%) und Englisch (1%)[15]. Fremdsprachenkenntnisse zum Führen eines Gesprächs haben die Niederländer*innen vor allem im Englischen (93%), viele geben auch Deutsch- und Französischkenntnisse an (61% und 27%)[16]. Damit liegen sie in Hinblick auf ihre aktiven Fremdsprachenkenntnisse weit über dem gesamteuropäischen Durchschnitt: Beispielsweise geben hier nur 47% der Menschen an, ein Gespräch auf Englisch führen zu können[17]. Abgesehen von diesen zumeist in der Schule erlernten Fremdsprachen gibt es eine weitere signifikante Gruppe von Fremdsprachen, nämlich die Erstsprachen der Immigrant*innen[18]. Eingewanderte machen in den Niederlanden fast 20% der Gesamtbevölkerung aus[19]. Die Einwanderer*innen kommen aus unterschiedlichen Ländern und kulturellen Kontexten, es handelt sich um Menschen aus ehemaligen niederländischen Kolonien wie Suriname oder Indonesien, Gastarbeiter*innenfamilien aus z. B. Marokko oder der Türkei, Immigrant*innen aus westlichen Ländern sowie Geflüchteten aus der ganzen Welt[20]. Die wichtigsten und vitalsten Erstsprachen der Immigrant*innen sind Arabisch, Berberisch und Türkisch[21].
Die niederländische Regierung regt zum Gebrauch des Niederländischen an[22]. Auch heute herrscht in den Niederlanden eine ambivalente öffentliche Meinung in Bezug auf Mehrsprachigkeit, dabei fällt vor allem auf, dass einige Sprachen wie Englisch, Deutsch oder Französisch als kommunikative Ressource gelten und ein höheres soziales Ansehen genießen als Minderheitssprachen wie Arabisch oder Türkisch, die eher als hinderlich für die Integration der Sprechenden angesehen werden[23].
Wie schon im ‚Gouden Eeuw‘ macht der Anteil an Menschen, die nicht aus Amsterdam stammen, einen großen Teil der städtischen Population aus. Fast die Hälfte aller Einwohner*innen der niederländischen Hauptstadt sind Immigrant*innen – so viele wie in keiner anderen Stadt in den Niederlanden[24]. Die größten Bevölkerungsgruppen neben der niederländischen haben surinamischen, marokkanischen oder türkischen Hintergrund[25]. Außerdem zieht Amsterdam jährlich mehrere Millionen Tourist*innen aus aller Welt an, die meisten aus anderen Regionen der Niederlande, gefolgt von Reisenden aus dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten von Amerika[26]. Im gesamten Land, aber besonders in Amsterdam, ist unter anderem durch den Tourismus der Gebrauch des Englischen stark angestiegen, was sogar so weit geht, dass öffentliche Informationen auf Englisch herausgegeben werden, Schilder zweisprachig Niederländisch/Englisch beschriftet sind und Englisch auch im alltäglichen Leben auf den Straßen gesprochen wird[27]. Weitere mögliche Gründe für die wachsende Bedeutung des Englischen sind die Rolle Amsterdams als internationales Handels- und Kulturzentrum sowie der Umstand, dass das Englische auch unter den Immigrantengruppen als lingua franca verwendet wird[28].
Edelmann (2014) beschreibt dies als ideale Beobachtungsgrundlage für den Gebrauch von minderheitlichen Einwanderersprachen und auch der internationalen englischen Sprache[29]. Um die in diesem Artikel vorgestellten Forschungseinblick anhand eines konkreten Beispiels zu illustrieren, soll kurz eine Studie von Loulou Edelmann angerissen werden, die den realen Sprachgebrauch im öffentlichen Raum Amsterdams in einer konkreten soziokulturellen und -linguistischen Rahmung untersucht. Edelmann betrachtet in dieser Studie die linguistic landscape Amsterdams. Unter der linguistic landscape ist die Sichtbarkeit und Salienz von Sprachen auf öffentlichen und kommerziellen Flächen bzw. Schildern zu verstehen[30]. Sie kann damit einerseits als Marker für die Vitalität ethnolinguistischer Gruppen innerhalb eines Gebiets, aber auch als Faktor, der zu dieser Lebendigkeit beiträgt, angesehen werden[31]. Die An- und auch Abwesenheit von Sprachen im öffentlichen Raum, die dieses soziolinguistische Konzept in den Blick nimmt, kann also direkt wie auch indirekt Botschaften über die Position dieser jeweiligen Sprache in der Gesellschaft senden[32]. Die linguistic landscape kann somit sowohl bestehende Machtverhältnisse bestätigen aber auch den Status von Minderheitssprachen aufwerten[33].
Die Studie zeigte, dass in Amsterdam die meistverwendete Sprache Niederländisch ist, gefolgt von Englisch[34]. Außerdem häufig verwendet werden europäische Sprachen mit hohem Prestige in der Werbung in den Niederlanden, explizit Französisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch; aber auch Friesisch, Türkisch und Arabisch[35]. Insgesamt kann festgestellt werden, dass Minderheitssprachen nicht oft in öffentlichen Schriftzeichen verwendet werden, in Amsterdam zeigt sich die Präsenz von Immigrant*innen jedoch teilweise durch Schilder in türkischer und arabischer Sprache[36]. Außerdem konnte im Rahmen der Studie festgestellt werden, dass viele Schilder unter anderem auf Englisch beschriftet sind[37]. Da der Anteil von Menschen mit der Erstsprache Englisch in den Niederlanden gering ist, ist davon auszugehen, dass diese Schriftzüge sich an Non-Native-Speaker richten[38]. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die linguistic landscape in Amsterdam nicht das sprachliche Repertoire der Stadt widerspiegelt[39]. Minderheitssprachen sind zwar repräsentiert, allerdings sehr begrenzt[40]. Ein möglicher Grund dafür ist beispielsweise das Fehlen schriftlicher Tradition von bestimmten Sprachen wie zum Beispiel Berberisch[41]. Welche Sprachen auf Schildern verwendet werden, ist stark abhängig von der Umgebung und auch davon, ob diese Bereiche oft von Tourist*innen frequentiert werden[42]. Die linguistic landscape steht also in keinem direkten Zusammenhang mit der sprachlichen Vitalität von Minderheitsgruppen[43], zeigt aber wie Migrantengruppen und Tourist*innen ihre sprachlichen Spuren in der urbanen Landschaft hinterlassen haben[44].
Fazit
Amsterdam ist die einzige Hauptstadt der Benelux-Länder, in der offiziell nicht mehrere Sprachen gesprochen werden. Betrachtet man die Sprachsituation in den Niederlanden insgesamt und in ihrer Hauptstadt im speziellen genauer, zeigt sich, dass Mehrsprachigkeit trotzdem schon lange Teil des gelebten Alltags in der Stadt ist. Sprachliche Vielfalt lässt sich historisch belegen und auch heute noch durch Angaben der Bevölkerung zu ihren Sprachkenntnissen und Herkunftssprachen sowie einer Untersuchung der linguistic landscape erforschen. Neben der Dominanz der Amtssprache Niederländisch ist heute in erster Linie die häufige Verwendung des Englischen als Sprache des internationalen Tourismus und als lingua franca unter Migrant*innen verschiedener Herkunftssprachen in Amsterdam hervorzuheben, doch auch andere europäische Sprachen und Minderheitssprachen der unterschiedlichen Migrantengruppen spielen eine zentrale Rolle und prägen die soziolinguistische Realität sowie den urbanen polyglotten Raum in Amsterdam.
Quellenverzeichnis
Edelman, Loulou. „The presence of minority languages in linguistic landscapes in Amsterdam and Friesland (the Netherlands)“ International Journal of the Sociology of Language, vol. 2014, no. 228, 2014, pp. 7-28. https://doi.org/10.1515/ijsl-2014-0003.
Europäische Kommission. Eurobarometer, Europeanen en hun talen, URL: https://europa.eu/eurobarometer/surveys/detail/2979 (letztmalig abgerufen am 17.01.2026).
Ministerium für Inneres und Königreichsbeziehungen. Die Verfassung des Königreichs der Niederlande 2018. URL: https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.government.nl/binaries/government/documenten/reports/2019/02/28/the-constitution-of-the-kingdom-of-the-netherlands/WEB_119406_Grondwet_Koninkrijk_DUITS.pdf&ved=2ahUKEwi4nuWC9qORAxXNzAIHHZGbFCQQFnoECBQQAQ&usg=AOvVaw3fJexr-BMLlWovWJLtbyvH (letztmalig abgerufen am 17.01.2026).
Van der Sijs, Nicoline/van Oostendorp, Marc. ‚Een mooie mengelmoes‘ Meertaligheid in de Gouden Eeuw. Amsterdam: Amsterdam University Press 2019.
[1]Ministerium für Inneres und Königreichsbeziehungen. Die Verfassung des Königreichs der Niederlande 2018, S. 10.
[2][2] Vgl. VAN OOSTENDORP / VAN DER SIJS, ‚Een mooie mengelmoes‘. Meertaligheid in de Gouden Eeuw, S. 7.
[3] Vgl. ebd.
[4] Vgl. ebd.
[5] Vgl. ebd.
[6] Vgl. ebd. S. 8.
[7] Vgl. ebd.
[8] Vgl. ebd. S. 8f.
[9] Vgl. ebd. S. 9.
[10] Vgl. ebd. S.9f.
[11] Vgl. ebd. S. 10.
[12] Vgl. ebd. S. 11.
[13] Vgl. ebd. S. 9.
[14] Vgl. ebd., S. 10.
[15] Vgl. Europäische Kommission – Eurobarometer, Europeanen en hun talen, S. 1.
[16] Vgl. ebd.
[17] Vgl. ebd.
[18] Vgl. EDELMANN The presence of minority languages in linguistic landscapes in Amsterdam and Friesland (the Netherlands), in: XXX, S. 10.
[19] Vgl. ebd.
[20] Vgl. ebd.
[21] Vgl. ebd.
[22] Vgl. ebd., S.10f.
[23] Vgl. ebd., S. 11.
[24] Vgl. ebd., S. 7.
[25] Vgl. ebd, S. 11.
[26] Vgl. ebd., S. 7.
[27] Vgl. ebd., S. 11.
[28] Vgl. ebd, S. 11f.
[29] Vgl. ebd., S. 7.
[30] Vgl. ebd., S. 8.
[31] Vgl. ebd.
[32] Vgl. ebd., S. 10.
[33] Vgl. ebd.
[34] Vgl. ebd., S. 17.
[35] Vgl. ebd.
[36] Vgl. ebd., S. 17.
[37] Vgl. ebd.
[38] Vgl. ebd.
[39] Vgl. ebd.
[40] Vgl. ebd., S. 18.
[41] Vgl. ebd.
[42] Vgl. ebd., S. 19f.
[43] Vgl. ebd., S. 18.
[44] Vgl. ebd., S. 26.