Am 11.03.2026 hatte das Belgienzentrum der Universität Paderborn die besondere Gelegenheit, mit Prof. Dr. Sabine Ehrhart, emeritierte Ethnolinguistin an der Universität Luxemburg, ein Interview über die historischen, sprachpolitischen, bildungsbezogenen und gesellschaftlichen Dimensionen der Mehrsprachigkeit in Luxemburg durchzuführen.
Zur Person: Sabine Ehrhart ist eine international ausgewiesene Sprachwissenschaftlerin mit Schwerpunkten in Ethnolinguistik und Soziolinguistik. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem linguistische Ethnographie in Regionen mit starker mündlicher Tradition, Sprachökologie in Bildungszusammenhängen und Mehrsprachigkeit im Unterricht. Weitere Arbeitsfelder sind Kontaktsprachen, Spracherwerb in plurilingualen Kontexten sowie innovative Kommunikationsstrategien in mehrsprachigen Arbeitswelten. Von 2006 bis 2026 war sie Professorin für Ethnolinguistik an der Universität Luxemburg. Zuvor war sie Vertretungsprofessorin für romanische Linguistik an der Universität des Saarlandes und Stipendiatin der Deutschen Forschungsgesellschaft. Internationale Erfahrungen sammelte sie unter anderem als Hochschuldozentin für Allgemeine Linguistik in Neukaledonien sowie als sprachpolitische Beraterin in Vanuatu. Sie studierte Linguistik und Geografie in Augsburg (M. A. 1986), promovierte dort 1993 und habilitierte sich 2006 an der Universität Paris-Sorbonne mit Auszeichnung in Sprachwissenschaft, Ethnologie und Erziehungswissenschaften.
Fragenfeld 1: Historische Mehrsprachigkeit, Sprachpolitik und Identität
Die Mehrsprachigkeitskonstellation zwischen Französisch, Deutsch und Luxemburgisch ist in Luxemburg seit vielen Jahrhunderten verankert. Inwiefern prägt diese historische Tiefendimension bis heute die sprachliche Identitätskonstruktion, insbesondere auch im Spannungsfeld zwischen nationaler Selbstvergewisserung und interkultureller Sensibilität?
Ich denke, es ist allen Luxemburgern und Luxemburgerinnen bewusst, wie wichtig die Mehrsprachigkeit und die damit zusammenhängende historische Komponente sind. Man könnte nicht einfach das Französische oder Deutsche ausklammern, da es zahlreiche historische Dokumente in diesen Sprachen gibt und den Menschen ohne diese Sprachkenntnisse ein wichtiger Zugang zur Geschichte praktisch verwehrt bliebe. Dennoch kann es Spannungen in Bezug auf die Verwendung der Sprachen geben, so ist Französisch nicht unbedingt sehr beliebt und auch der Gebrauch des Deutschen ist seit der Nazizeit etwas behaftet. Generell kann man sich in Luxemburg oft die Sprache aussuchen, so sind die Veröffentlichungen des statistischen Landesamtes oder der Ministerien alle auf Luxemburgisch, Deutsch und Französisch verfasst und verfügbar, manchmal sogar auch auf Englisch.
Luxemburg war früher das Land auf der Sprachgrenze zwischen den romanischen und den germanischen Sprachen. Diese Flexibilität, die auch schon seit Jahrhunderten im Schulsystem verankert ist, hat sich durch die hohe Zahl an Menschen aus anderen Ländern noch erweitert, die bereits seit über einem Jahrhundert in Luxemburg Fuß fassen und dort arbeiten. Dabei handelt es sich insbesondere um große Gruppen aus Italien, Portugal und Ex-Jugoslawien, und seit einiger Zeit auch aus dem Mittleren und dem Fernen Osten. In Luxemburg sind nahezu alle Nationalitäten und sehr, sehr viele Sprachen der Welt vertreten. Daraus ergibt sich eine sehr ausgeprägte Diversität, die auch einen der Gründe dafür darstellt, dass sich europäische Institutionen und internationale Banken in Luxemburg niedergelassen haben.
In der Tat gibt es ein gewisses Spannungsfeld zwischen nationaler Selbstvergewisserung und interkultureller Sensibilität. Die Sensibilität ist sicherlich da, so weisen alle Luxemburger, die ich kenne, eine andere sprachliche und kulturelle Zusammensetzung auf. Es gibt keinen Menschen, der der nur eine Sprache spricht oder nur mit einem Land oder einer Kultur in Kontakt steht. Mein Blick ist natürlich auch beschränkt als Deutsche, die in Frankreich lebt und über 20 Jahre in Luxemburg gearbeitet hat. Daher ist all das, was ich sage, nicht die einzige Wahrheit zu Luxemburg, sondern der Teil der Wahrheit, den ich wahrnehme.
Seit dem Sprachgesetz von 1984 ist Luxemburgisch Nationalsprache, während Französisch als Gesetzessprache fungiert und Luxemburgisch, Französisch und Deutsch hingegen als Verwaltungssprachen. Wie ist diese funktionale Differenzierung aus soziolinguistischer Sicht zu bewerten? Handelt es sich hierbei eher um eine pragmatische Aufteilung oder auch um eine symbolische Hierarchisierung?
Wahrscheinlich handelt es sich um beides, aber ich würde den Schwerpunkt auf die Pragmatik setzen. Als ich 2006 in Luxemburg ankam, haben die Menschen noch häufig erwähnt, wie wichtig dieses Gesetz für sie war, da Luxemburgisch vorher als ein Dialekt des Deutschen angesehen wurde. Außerdem schuf das Gesetz einen Rahmen und eine Art symbolische Sichtbarkeit. Liest man in dem Gesetzestext zwischen den Zeilen, so fällt auf, dass die Worte langue officielle oder Amtssprache nicht auftauchen. Diese wurden bewusst vermieden und durch die verschiedenen Verwendungsbereiche wie ‚Verwaltungssprache‘ und ‚Rechtssprache‘ ersetzt, da ‚Amtssprache‘ bestimmte Konstellationen festzementiert.
Auch im rechtlichen Rahmen ist es bedeutsam, dass es eine Sprache gibt, die den Hauptbezug herstellt. Als Übersetzerin weiß ich beispielsweise, dass es nicht drei verschiedensprachige Versionen eines Textes geben kann, die genau deckungsgleich sind. Könnte man sich daher nicht auf eine Sprache beziehen, bestünde eine rechtliche Ungenauigkeit mit unterschiedlichen sprachlichen Nuancen zwischen den Varianten.
Auch ist es sehr interessant, wenn man Debatten im Parlament hört. So stellt Luxemburgisch meist die sprachliche Matrix, einige Verwaltungsbegriffe sind auf Deutsch und das Rechtliche wird auf Französisch ausgedrückt. Es gibt praktisch nach zwei bis drei Worten immer einen Wechsel, damit man immer aus dem Bereich, in dem eine Sprache die höchste Präzision erlaubt, schöpfen kann und diese mit den anderen kombiniert. Es handelt sich um eine Art von Code-Switching, die nicht mit einem einfachen Schema nachgestellt werden kann, da es sich um eine komplexes Bewusstsein der Sprecher handelt, an welcher Stelle sie in welche Sprache switchen müssen.
Mit der „Strategie zur Förderung der luxemburgischen Sprache“ verfolgt Luxemburg seit 2018 eine breit gefächerte Sprachförderpolitik. Besteht hierin eher ein notwendiger Mechanismus zum Schutz des Luxemburgischen in einem demographisch stark diversen Land oder birgt diese Politik auch Risiken im Hinblick auf soziale Inklusion?
Als ich in Luxemburg ankam, hatte ich den Eindruck, dass Luxemburgisch sehr wenig vertreten war, weder im Fernsehen noch im Radio bzw. generell in den Medien. Möglicherweise wurde es in informellen Situationen gesprochen, etwa im Zug, aber dort hörte man oft genauso viel Portugiesisch. Das hat sich inzwischen deutlich verstärkt. Viele Kolleginnen und Kollegen haben mir gesagt, dass ihnen durch die Einführung des Spell-Checkers für Luxemburgisch enorm geholfen wurde.
Wenn ich beispielsweise 2008 Studierende darum bat, etwas auf Luxemburgisch zu schreiben, antworteten sie mir, dass sie gar nicht wüssten, wie man das schreibt. Ab 2012, etwa auf unserer Plattform für die Lehrerausbildung, sind inzwischen alle Angaben auf Luxemburgisch, was für lange Zeit nicht der Fall war. Als ich zwischen 2008 und 2010 im Rahmen eines Sprachenplans des Europarats als Beraterin im Ministerium tätig war und Teil eines Teams aus einheimischen und internationalen Expertinnen und Experten war, wurde uns gesagt, es sei sehr wertvoll, dass wir das Land gut genug kannten, um es beurteilen zu können, und gleichzeitig nicht Teil des Systems zu sein. Damals vertrat ich die Meinung, dass dem Luxemburgischen, obwohl es im Sprachgesetz verankert und für das Land sehr wichtig ist, im Schulsystem zunächst zu wenig Gewicht beigemessen wurde.
Gleichzeitig ist es ein sehr typisches Phänomen, ich habe dies auch in meiner Forschung zur Sprachenpolitik in Katalonien nach der Franco-Zeit gesehen, dass das Pendel dann in die andere Richtung ausschlagen kann. Nach einer Phase der Unterdrückung bekommt die Sprache plötzlich sehr viel Gewicht. Das ist grundsätzlich nachvollziehbar, im Moment habe ich jedoch nicht den Eindruck, dass dieses Extremum in Luxemburg vorliegt. Im Gegenteil: Wenn man die soziale Inklusion in den Blick nimmt, denke ich, dass es hilft, Menschen die Möglichkeit zu geben, Luxemburgisch zu lernen. Man kann in Luxemburg leben, ohne Luxemburgisch zu sprechen, das ist möglich. Aber es ist auch sehr hilfreich, die Sprache zu verstehen, und noch besser, sie auch sprechen zu können. Gerade in beruflichen Kontexten, etwa wenn man lange in einem Team arbeitet und es zu Stresssituationen kommt, kann es sehr wichtig sein, ins Luxemburgische wechseln zu können. Wenn man diese Möglichkeit nicht hat, fehlt ein Stück Teilhabe und damit auch ein Aspekt sozialer Inklusion. Insofern denke ich, dass die Förderung des Luxemburgischen ein notwendiger Mechanismus ist. Man muss allerdings darauf achten, wie diese Politik konkret umgesetzt wird, insbesondere im schulischen Bereich. Ich war kürzlich bei einer Professorenprüfung in Paris, bei der eine Kollegin, die auch mehrere Jahre in Luxemburg gearbeitet hat, gezeigt hat, wie wichtig es ist, Übergänge zwischen verschiedenen Unterrichtssprachen gut zu gestalten. Es darf nicht passieren, dass man etwa sagt: „Du bist Portugiese, dein Luxemburgisch ist schlecht, geh bitte in einen anderen Raum.“ Stattdessen sollte man Unterricht und Zusammenarbeit so organisieren, dass die vorhandenen Kompetenzen aller wertgeschätzt werden. Es ist sinnvoller, von dem auszugehen, was jemand gut kann, als von dem, was er oder sie nicht kann.
Grundsätzlich halte ich die Stärkung des Luxemburgischen daher für eine gute Sache. Man muss jedoch darauf achten, dass daraus keine übermäßig starken nationalistischen Tendenzen entstehen. Solche Entwicklungen kann man zum Beispiel in Katalonien beobachten, wo separatistische Strömungen teilweise sehr ausgeprägt sind. Dort zeigt sich, dass Gruppen, die früher unterdrückt wurden, mitunter dazu neigen, ähnliche Mechanismen selbst zu reproduzieren, sobald sie mehr Einfluss gewinnen.
Fragenfeld 2: Sprachliche Diversität im Bildungssystem
Das Luxemburger Schulsystem basiert auf einer frühen Alphabetisierung auf Deutsch, obwohl ein veritabler Teil der Schüler, insbesondere solche mit Migrationshintergrund aus Italien und Portugal, romanische Familiensprachen spricht. Wird hier aus Ihrer Sicht Mehrsprachigkeit als Ressource genutzt oder bewirkt das System dadurch auch strukturelle Bildungsungleichheiten?
Das ist eine sehr, sehr komplexe Frage. Das Luxemburger Schulsystem stammt im Kern noch aus dem vorvorigen Jahrhundert und war damals so ausgerichtet, dass es ein möglichst hohes Maß an Gerechtigkeit gewährleisten sollte. Inzwischen hat sich jedoch vieles verschoben.
Es gibt dazu mehrere Veröffentlichungen, unter anderem von Horner und Weber zur luxemburgischen Sprachenpolitik. Weber argumentiert an einer Stelle, dass man im Grunde allen Schülerinnen und Schülern die jeweils größere Schwierigkeit zugemutet hat. Das heißt: Romanophone, also häufig Schülerinnen und Schüler mit romanischen Erstsprachen, die oft eher das technische Gymnasium besuchen, werden dort stark mit Deutsch konfrontiert. Die Germanophonen hingegen, die auch aufgrund sozialer Faktoren häufiger das klassische Gymnasium besuchen, haben dort einen stärkeren Fokus auf Französisch. Französisch wurde historisch als die prestigeträchtigere Sprache angesehen, weshalb es im klassischen Gymnasium auch mit einer sehr hohen grammatikalischen Genauigkeit unterrichtet wird, teilweise sogar genauer, als man es in Frankreich selbst findet. Weber formuliert das zugespitzt so, dass man es gewissermaßen allen besonders schwer macht. Vor diesem Hintergrund gab es Überlegungen, stärker nach sprachlichem Hintergrund zu differenzieren, also beispielsweise romanophone Schülerinnen und Schüler zunächst über Französisch an das System heranzuführen und Sprecher germanischer Sprachen eher über Deutsch. Dieser Begriff „romanophon“ ist übrigens typisch luxemburgisch; im Deutschen würde man eher von Sprechern romanischer Sprachen sprechen. Allerdings gibt es heute nur noch sehr wenige Schülerinnen und Schüler, die eindeutig nur romanophon oder nur germanophon sind. Die sprachlichen Biografien sind in der Regel deutlich komplexer. Ich habe zum Beispiel mit portugiesischstämmigen Personen gesprochen, die heute etwa um die 40 Jahre alt sind. Sie berichten, dass es ihnen durchaus gutgetan habe, in einem deutschsprachig geprägten Schulsystem zu lernen, weil sie dadurch zusätzliche Sprachen erwerben konnten. Rückblickend empfinden sie das also als Bereicherung, die sie gut bewältigt haben.
Im Rahmen des bisher kleinen Pilotprojekts „ALPHA – zesumme wuessen“ dürfen Eltern selbst entscheiden, auf welcher Sprache ihre Kinder alphabetisiert werden sollen. Derzeit gibt es bereits Bestrebungen, dieses Projekt auf ganz Luxemburg auszuweiten. Trägt diese Entscheidungsfreiheit vor dem Hintergrund der zuvor erwähnten Problematik mit der Alphabetisierung auf Deutsch zur einer stärkeren Chancengleichheit im Bildungsbereich bei oder wird sie auch neue Herausforderungen mit sich bringen?
Das Projekt ALPHA versucht, die gerade besprochenen Ungleichheiten aufzulösen. Aus rein linguistischer Sicht würde ich sagen, dass das Projekt sehr überzeugend ist. Wenn man es auf einer theoretischen Ebene betrachtet, ist die Idee hervorragend, weil die sprachliche Hürde bei der Einschulung deutlich reduziert wird. Allerdings ist es bei solchen Projekten oft so, dass man gezielt Forschende auswählt, von denen man Ergebnisse erwartet, die den eigenen Vorstellungen entsprechen. In diesem konkreten Fall wurden vor allem Professorinnen und Professoren aus Frankreich sowie französischsprachige Expertinnen und Experten einbezogen, neben einigen einheimischen Fachleuten. Uns an der Universität hat man beispielsweise sehr wenig gefragt, vermutlich auch, weil bekannt war, dass wir eine eher kritische Innenperspektive einbringen würden. Wir kennen nicht nur die theoretische Seite, sondern auch sehr gut die schulische Praxis.
Intellektuell ist das Projekt also durchaus überzeugend, und so wird es auch vom Ministerium dargestellt. In der praktischen Umsetzung stellen sich jedoch entscheidende Fragen, insbesondere, wie die beiden unterschiedlichen Bildungswege später wieder zusammengeführt werden sollen. Am Anfang ist die Hürde geringer, weil die Kinder in ihrer stärkeren Sprache alphabetisiert werden. Gleichzeitig erhalten sie aber weniger Unterricht in der jeweils schwächeren Sprache. Später, etwa im Alter von zehn bis zwölf Jahren, wird jedoch erwartet, dass alle Schülerinnen und Schüler in beiden Sprachen dasselbe Niveau erreichen, unabhängig davon, welchen Weg sie zuvor gegangen sind. Hier habe ich Zweifel, ob den Schülerinnen und Schülern nicht zu viel abverlangt wird. Gerade vor dem Hintergrund, dass es zunehmend Kinder mit Lernschwierigkeiten oder sozialen Problemlagen gibt, erscheint mir diese Erwartung sehr anspruchsvoll. Auch angehende Lehrkräfte äußern hier Unsicherheiten: In Gesprächen berichten sie, dass sie nicht genau wissen, wie diese Angleichung in der Praxis gelingen soll. Das führt zu einer strukturellen Problematik: Die einen Kinder lernen zunächst mehr Inhalte über Französisch und weniger Deutsch, die anderen umgekehrt. Doch vor dem Übergang in die weiterführende Schule wird ein einheitliches Sprachniveau vorausgesetzt.
In den bisherigen Pilotschulen wurde das Projekt sehr intensiv begleitet, mit besonders engagierten Lehrkräften und zusätzlicher Unterstützung. Das sind jedoch Bedingungen, die sich nicht ohne Weiteres auf das gesamte System übertragen lassen. Viele Kolleginnen und Kollegen, die ich kenne, teilen diese Skepsis. Auch in der Gewerkschaft wird darauf hingewiesen, dass die Umsetzung für Lehrkräfte eine große Herausforderung darstellt. Das hat nichts mit mangelnder Motivation oder Bereitschaft zu tun, sondern mit einer realistischen Einschätzung der Anforderungen.
Ein weiteres Risiko sehe ich in möglichen neuen Ungleichheiten. Ich habe ähnliche Entwicklungen in Neukaledonien beobachtet, wo ich ebenfalls gearbeitet habe. Dort zeigte sich, dass Eltern, die weniger gut informiert sind, eher in Bildungswege gelenkt werden, die schlechtere Zukunftschancen für ihre Kinder bieten. Gerade für Familien mit Migrationshintergrund kann es schwierig sein, die Konsequenzen solcher Entscheidungen vollständig zu überblicken. Wenn man das Bildungssystem nicht genau kennt, ist man anfälliger für Fehlentscheidungen oder auch für Beeinflussung. Das ist allerdings auch eine persönliche Einschätzung. Natürlich gibt es positive Aspekte des Projekts. Ich bin überzeugt, dass Veränderungen im System notwendig sind, und es ist sinnvoll, in diese Richtung zu denken. Dennoch erfordert eine flächendeckende Umsetzung sehr viel Energie, eine gezielte Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte und eine ausgeprägte sprachdidaktische Sensibilität.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Es gibt relativ wenige Lehramtsstudierende, die eine starke Affinität zum Französischen haben. Viele berichten, dass sie die Sprache zwar gut gelernt haben, aber oft unter sehr starkem Druck und mit wenig Freude. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie man ausreichend Lehrkräfte gewinnen kann, die langfristig motiviert und mit Begeisterung auf Französisch unterrichten. Wenn das Projekt in größerem Maßstab umgesetzt werden soll, sind daher tiefgreifende Veränderungen im System notwendig.
Redaktioneller Nachtrag: Nach dem Interview wurde bekannt, dass das Projekt nun ab September 2026 flächendeckend für alle öffentlichen Schulen in Luxemburg eingeführt wird und somit vom Pilotprojekt zum Schulalltag wird. Hier wird es vor allem wichtig sein, dass die Lehrkräfte ausreichend auf diese Umstrukturierung vorbereitet werden, dass alle Eltern umfassend informiert werden, und dass weiterhin eine Möglichkeit der Anpassung im laufenden Prozess besteht, wenn sich herausstellt, dass bestimmte Dinge nicht funktionieren.
Fragenfeld 3: Sprachkontakt, Urbanität und Zukunftsperspektiven
Luxemburg ist Teil der Grande Région, mit starken Pendlerströmen aus Frankreich, Deutschland und Belgien. Inwiefern beeinflussen diese grenzüberschreitenden Sprachkontakte die alltäglichen Mehrsprachigkeitspraktiken in Luxemburg? Gibt es Unterschiede zwischen urbanen Zentren wie Luxemburg-Stadt und ländlicheren Regionen?
Ich hatte anfangs auch die Vermutung, dass es deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Peripherie gibt. Inzwischen würde ich das jedoch relativieren. Abgesehen von einigen Dörfern im äußersten Norden Luxemburgs – wobei auch dort viele Migrantinnen und Migranten leben – ist das gesamte Land sehr stark multikulturell geprägt und durch vielfältige Mehrsprachigkeit gekennzeichnet.
Es lassen sich höchstens gewisse Tendenzen erkennen: In Richtung Saarland hört man etwas mehr Deutsch, während im Süden, etwa in Esch, Französisch und romanische Sprachen stärker vertreten sind, denn dort leben viele Menschen aus Portugal, Brasilien oder den Kapverdischen Inseln und anderen lusophonen Regionen Afrikas. In Richtung Belgien ist die Situation gemischt, da auf der anderen Seite der Grenze neben Französisch auch Dialekte gesprochen werden. Insgesamt ergibt sich also eher ein sprachliches Mosaik als eine klare räumliche Trennung. Möglicherweise gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Stadtvierteln und kleineren Orten wie Mersch in der Landesmitte, aber ich habe keine wirklich großen systematischen Unterschiede festgestellt.
Was die Pendlerströme betrifft, so wird häufig betont, dass insbesondere viele Frankophone nach Luxemburg kommen. Nach aktuellen Zahlen gibt es insgesamt fast 300.000 Grenzpendler, von denen etwa die Hälfte aus Lothringen stammt. Das hat spürbare Auswirkungen auf die Sprachpraxis im Alltag. Französisch gewinnt dadurch stark an Bedeutung, weil viele dieser Pendlerinnen und Pendler wenig oder gar kein Luxemburgisch sprechen oder nur einige grundlegende Ausdrücke beherrschen. Gerade im Dienstleistungsbereich, etwa in Geschäften oder Kantinen, ist Französisch daher oft die dominierende Sprache. Auch an der Universität habe ich erlebt, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Verwaltung oder Service aus Belgien oder Frankreich kommen und frankophon sind. Entsprechend passt man sich situativ an und wählt die Sprache, mit der man am besten zum Ziel kommt.
Obwohl Institutionen wie die Universität offiziell dreisprachig sind und grundsätzlich alle drei Sprachen beherrscht werden sollten, zeigt die Praxis, dass man mitunter mit einer bestimmten Sprache schneller weiterkommt als mit einer anderen. Dabei spielen auch informelle „Verhandlungsstrategien“ eine Rolle. Je nach Situation kann es vorteilhaft sein, eine bestimmte Sprache zu wählen, weil sie mit bestimmten Erwartungen oder Stereotypen verbunden ist. Solche Erfahrungen sind zwar anekdotisch, zeigen aber, dass Sprachwahl im Alltag oft strategisch erfolgt. Insgesamt haben sich die einheimischen Luxemburgerinnen und Luxemburger stark an diese Situation angepasst. Betrachtet man die Erwerbsbevölkerung, lässt sich vereinfacht sagen, dass von drei arbeitenden Personen in Luxemburg eine aus Luxemburg selbst stammt, eine im Land lebt, aber im Ausland geboren wurde, und eine Grenzpendlerin oder Grenzpendler ist. Diese tägliche Mobilität, insbesondere aus Frankreich, oft unter schwierigen Pendelbedingungen, hat auch Auswirkungen auf das soziale Leben. Viele Pendler verbringen viel Zeit in Zügen oder im Stau, sodass weniger Raum für lokale soziale Aktivitäten bleibt. Die Dominanz des Französischen hängt auch damit zusammen, dass französische Muttersprachler im Durchschnitt seltener andere Sprachen sprechen als etwa Deutschsprachige, die häufiger zumindest Grundkenntnisse in Luxemburgisch und Französisch haben.
Gleichzeitig lässt sich aber auch beobachten, dass das Interesse am Luxemburgischen wächst. Sprachzentren in Luxemburg-Stadt berichten von steigenden Zahlen an Lernenden, die Luxemburgisch erwerben möchten, und das betrifft nicht nur Menschen aus den Nachbarländern, sondern auch aus weiter entfernten Regionen. In einem Luxemburgisch-Kurs, den ich selbst besucht habe, waren beispielsweise Teilnehmende von den Philippinen, aus Nordmazedonien oder aus China, die alle ein starkes Interesse daran hatten, die Sprache zu lernen.
Angesichts der starken Präsenz internationaler Institutionen und auch der Universität gewinnt das Englische in Luxemburg zunehmend an Bedeutung. Ist die Entwicklung des Englischen hin zu einer Lingua Franca im luxemburgischen Kontext als eine zusätzliche kommunikative Ressource zu verstehen oder müssen die dadurch bewirkten Veränderungen in den Mehrsprachigkeitsstrukturen auch kritisch betrachtet werden?
Ich erstelle seit etwa 20 Jahren jedes Jahr ein Sprachprofil für meine Studierenden, meist Lehramtsstudierende im zweiten oder dritten Bachelorjahr, und ich beobachte, dass Englisch in den letzten zehn Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen hat.
Im luxemburgischen Schulsystem haben wir die klassischen Schulsprachen Luxemburgisch, Deutsch und Französisch, jeweils in unterschiedlichen Funktionen und Verteilungen. Englisch kommt vergleichsweise spät als Fremdsprache hinzu, meist erst in der weiterführenden Schule. Dennoch verfügen die Studierenden häufig über sehr gute Englischkenntnisse, und die Sprache steht ihnen teilweise sogar näher als Französisch. Das ist durchaus bemerkenswert. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass Mehrsprachigkeit das Lernen weiterer Sprachen erleichtert. Hinzu kommt der Einfluss von Medien und digitalen Kommunikationsformen. Viele junge Menschen konsumieren Musik auf Englisch und kommunizieren online mit internationalen Kontakten, wodurch Englisch sowohl subjektiv als auch in der tatsächlichen Kompetenz immer wichtiger wird.
Solche Entwicklungen habe ich schon früher in der Schweiz beobachtet. Dort wird manchmal gesagt: „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.“ Gemeint ist, dass die traditionell territorial verankerte Mehrsprachigkeit, etwa zwischen Deutsch, Französisch und Italienisch, durch das Englische überlagert werden kann. Einige sehen darin durchaus ein Problem, weil kleinere Sprachen wie das Rätoromanische oder auch das Italienische dadurch an den Rand gedrängt werden könnten. Für Luxemburg würde ich im Moment jedoch sagen, dass Englisch noch keine Bedrohung darstellt, sondern eher eine zusätzliche Ressource ist. Es ist allerdings gut möglich, dass sich dies in den nächsten fünf bis zehn Jahren verändert. Eine vollständige Verdrängung anderer Sprachen erscheint zwar unwahrscheinlich, da diese historisch tief im Land verankert sind und auch für den Zugang zu kulturellen und administrativen Traditionen wichtig bleiben. Dennoch könnten sich durch technologische Entwicklungen, zum Beispiel durch den zunehmenden Einsatz von KI-gestützter, mündlicher und schriftlicher Übersetzung, Verschiebungen ergeben, die wir heute noch nicht vollständig absehen können. Ein Kollege aus Australien, mit dem ich im Bereich der Sprachökologie zusammenarbeite, weist beispielsweise darauf hin, dass man in der linguistic landscape von Orten wie Bahnhöfen bereits deutlich erkennen kann, dass Luxemburg ein mehrsprachiges Land ist. Das Englische, das dort verwendet wird, ist oft kein standardsprachliches Englisch im engeren Sinne. weder eindeutig britisch noch amerikanisch, sondern zeigt viele Einflüsse anderer Sprachen. Teilweise entwickelt es sich in Richtung einer funktionalen Lingua Franca.
Auch lässt sich beobachten, dass Sprachwahl nicht nur von Kompetenz abhängt, sondern stark von sozialen Beziehungen geprägt ist. Menschen wählen eine Sprache nicht ausschließlich danach, welche sie am besten beherrschen, sondern auch danach, welche Beziehung sie zu ihrem Gegenüber haben. Es kann also durchaus vorkommen, dass zwei Personen eine gemeinsame Sprache hätten, sich aber bewusst für eine andere entscheiden. Im Kontext internationaler Institutionen und Unternehmen spielt Englisch eine zentrale Rolle, insbesondere für sogenannte Expats. Eine Kollegin, die zu diesem Thema speziell in der Arbeitswelt geforscht hat, zeigt, dass Englisch häufig die erste gemeinsame Sprache ist, wenn Menschen aus sehr unterschiedlichen Ländern, etwa von den Philippinen oder den Malediven, in Luxemburg zusammenarbeiten.
Wenn man den Blick in die Zukunft wagt: Entwickelt sich Luxemburg langfristig zu einem Modell einer inklusiven, dynamischen Mehrsprachigkeitsgesellschaft oder steht die Bevölkerung tendenziell vor einer stärkeren funktionalen Segmentierung der Sprachen je nach gesellschaftlichen und beruflichen Lebensbereichen?
Eine spannende Frage. Ich denke, dies hängt stark von allen beteiligten Akteuren ab. Eine ganz zentrale Rolle spielt dabei die Schule. Deshalb arbeite ich auch so gerne in der Lehrerausbildung. Ich sage den angehenden Grundschullehrkräften immer: Im Kindergarten und in der Grundschule habt ihr im Grunde die gesamte Gesellschaft in euren Klassen. Dort besteht noch die Möglichkeit, echte Inklusion zu gestalten. Später, in den weiterführenden Schulen, kommt es dann stärker zu Differenzierungen in verschiedene Zweige, und damit gehen auch unterschiedliche Privilegien einher, sei es aufgrund sozialer Herkunft oder individueller Begabungen. Hier besteht weiterhin Handlungsbedarf.
Ich erinnere mich an Besuche von Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland, insbesondere aus Deutschland. Ein Professor aus Kiel sagte einmal zu uns, Luxemburg sei praktisch ein Prototyp einer inklusiven Gesellschaft, etwas, das Deutschland vielleicht erst zehn oder zwanzig Jahre später erreichen werde. Tatsächlich ist die sprachliche Vielfalt im Alltag enorm. In einer Kindergartenklasse mit 15 Kindern können problemlos 20 verschiedene Sprachen vertreten sein. Es kann sogar vorkommen, dass nur ein einziges Kind einen Elternteil hat, der Luxemburgisch spricht. Allein durch diese Lebensrealität ist bereits eine große Offenheit angelegt. Gleichzeitig muss man im Blick behalten, dass sich europaweit auch nationalistische Tendenzen verstärken. Es besteht daher immer die Gefahr, dass Sprache als Mittel der Abgrenzung genutzt wird, etwa indem stärker auf das Luxemburgische gepocht wird, um bestimmte Bevölkerungsgruppen auszuschließen. Derzeit sehe ich diese Gefahr in Luxemburg noch nicht als besonders groß an, aber langfristige Entwicklungen sind schwer vorhersehbar.
Im Moment beobachte ich eher eine zunehmende Durchmischung. Viele Menschen wachsen heute mit sehr vielfältigen sprachlichen und kulturellen Hintergründen auf. Diese gelebte Mehrsprachigkeit führt oft ganz selbstverständlich zu einer offenen Haltung. Auch in der Lehrerausbildung zeigt sich dieser Wandel deutlich. Während es früher vielleicht einzelne Studierende mit familiären Bezügen zu anderen Ländern gab, ist es heute eher die Regel, dass angehende Lehrkräfte selbst eine Migrationsgeschichte in ihrer Familie haben. Interessanterweise möchten manche von ihnen besonders stark als „luxemburgisch“ wahrgenommen werden und treten ihre eigenen sprachlichen Wurzeln eher in den Hintergrund. Gemeinsam mit einer Kollegin versuche ich daher, diese Ressourcen bewusst sichtbar zu machen und wertzuschätzen, also zu zeigen, wie bereichernd es ist, neben den drei bis vier Schulsprachen noch weitere Sprachen zu beherrschen. Gleichzeitig ist es mir wichtig zu betonen, dass es keine „Norm“ gibt, die erfüllt werden muss. In einem meiner letzten Kurse fragten zwei Studentinnen, ob es problematisch sei, „nur“ Luxemburgisch, Deutsch, Französisch und Englisch zu sprechen. Ich habe ihnen geantwortet, dass jede sprachliche Biografie ihren eigenen Wert hat. Entscheidend ist, dass jede Person das, was sie mitbringt, als Ressource versteht und diese auch an Schülerinnen und Schüler weitergeben kann.
Die sprachliche Vielfalt lässt sich gut mit einem bunten Blumenstrauß vergleichen. Jede individuelle Geschichte trägt etwas Eigenes bei. Ziel sollte es sein, Menschen in ihrem jeweiligen Lebensweg zu bestärken und ihnen ein Gefühl von Stolz für ihre sprachlichen Kompetenzen zu vermitteln. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch an zwei Studierende mit italienischen Familienhintergründen. Der eine sagte, seine Eltern hätten kaum Italienisch mit ihm gesprochen, und er sei darüber enttäuscht. Der andere berichtete genau das Gegenteil: Bei ihm sei zu viel Italienisch gesprochen worden, und er hätte sich mehr Luxemburgisch gewünscht. Im Austausch miteinander kamen sie schließlich zu dem Schluss, dass sie als Erwachsene ihre sprachliche Biografie selbst weiterentwickeln können und dass es möglich ist, das eigene sprachliche Repertoire aktiv zu gestalten und zu verändern.