Seine eigenen Grenzen erweitern, repousser ses limites, je grenzen verleggen … Floskeln rund um das Thema der Grenze gibt es viele. Beim Gymnasium Theodorianum nimmt man diese jedoch seit vier Jahren beim Wort: Jährlich unternehmen Schüler*innen und Lehrende unter der Leitung des stellvertretenden Schulleiters Ulrich von Schwartzenberg eine gemeinsame Radtour nach Belgien, die sie stets auf eine andere Route –von den belgisch-deutschen Grenzgebieten bis ins belgische Landesinnere – führt. Nun dokumentiert ein Themenkoffer wesentliche Reiseerinnerungen, -impressionen und -reflexionen. Dieser soll im Folgenden kurz vorgestellt werden.
Im Grenzbereich wächst die Selbsterfahrung – diese Erfahrung haben in der Geschichte bereits viele Reisende gemacht. Im 16. Jahrhundert bereiste schon Albrecht Dürer die Niederlande, um zu schöpferischer Inspiration und humanistischer Selbsterkenntnis zu gelangen. In etwas jüngerer Zeit, nämlich in den 1940er bzw. 50er-Jahren unternahm der Schriftsteller Cees Nooteboom eine Reise von Hilversum nach Belgien – nach Angaben seines daraus entstandenen Erzählbands „Turbulenzen“ mit nichts als seinem Fahrrad und ein wenig Proviant im Gepäck. Eine vergleichbare Fahrradreise hat auch bei den Schüler*innen des Gymnasiums Theodorianum inzwischen Tradition: Die von ihnen erkundeten Routen reichen von Grenzstädten wie Geilenkirchen, Aachen und Lindern durch die Niederlande, Ostbelgien und die Wallonie bis nach Antwerpen, Lüttich, Luxemburg oder Brüssel.
Es ist also nicht eine, sondern es sind sehr viele lebhafte Grenzerfahrungen, die in diesem Themenkoffer Gestalt gefunden haben: Durch den permanenten, dynamischen Wechsel zwischen den Ländern und Nationalitäten und den Kontakt mit verschiedenen Kulturen entsteht ein Crossborder-Erlebnis, das über bloßen Grenzübertritt hinausgeht, da es permanente Bewegung in einem dynamischen Erfahrungsraum umfasst. Man könnte es mit einem Begriff des deutsch-französischen Ethnologen Arnold van Gennep als ,rites de passage‘ bezeichnen, einem kulturellen Ritual, das anfänglich Unsicherheit auslöst, aber danach den Übergang zu einer persönlichen Veränderung einleitet.[1]
Die dem Koffer beigefügten Reiseinformationen veranschaulichen konkrete Stationen dieser ,Passagen‘: In der ersten Tour ging es zum Beispiel von der niederländische Festungsstadt Sittard zum Soldatenfriedhof in Lommel und danach zum Nationalpark Bosland in Flandern. Auch ein in dem Koffer enthaltener Podcast mit dem stellvertretenden Schulleiter des Gymnasiums Theodorianum, Ulrich von Schwartzenberg, vermittelt wesentliche Informationen zu diesem Projekt: Darunter fallen die Historie dieses Projekts, an dessen Ausgangpunkt ein Kaffeetrinken mit dem Belgienzentrum steht, und der zentrale Aspekt des Sprachkontakts mit und unter Einheimischen, der im Klassenraum nicht immer auf eine solch authentische Weise erfahren werden kann. Insgesamt dokumentiert dieser Themenkoffer also einzigartige, da unwiederholbare Lernerfahrungen in einem ,Zwischenraum‘, der verdeutlicht, dass Grenzgänge immer eine Chance beinhalten: nämlich jene, seine eigenen Grenzen hinter sich zu lassen und über sich hinauszuwachsen.











[1] Vgl. Merten, Kai, Art. „Ritual“, in: Achim Trebeß (Hrsg.), Metzler Lexikon Ästhetik, Stuttgart/Weimar, 2006, S. 326.