Stefan Hertmans Roman Dius (2024), im deutschsprachigen Raum 2025 erschienen, wirkt in der Übersetzung sprachlich leicht zugänglich. Bei genauerer Lektüre beinhaltet der Text einige tiefgründige kunst- bzw. literaturtheoretische Reflexionen, die das Buch nicht nur für den Freizeitkonsum prädestinieren.
In dem Roman geht es um eine Beziehung zwischen dem Kunststudenten Dius und seinem Dozenten Anton. Letzterer ist zugleich der Ich-Erzähler des Romans. Eines Tages dringt der junge, unkonventionelle Student in das Leben des Lehrenden ein: Der junge Mann entschuldigt sich zunächst dafür, dass er im vollbesetzten Hörsaal einen Hund auf einem Gemälde des Renaissancemalers Carpaccio „drolletjes van de master“[1], zu Dt. „Hundehaufen“, genannt hat. Als Wiedergutmachung lädt Dius den Ich-Erzähler in ein abgelegenes Haus am Rande der Stadt ein. Die Annahme der Einladung und die dortigen wiederholten Besuche, die der Dozent nutzt, um weiter an seiner Dissertation zu arbeiten, geben dessen Leben neuen Schwung und führen zugleich zu zahlreichen unglücklichen Vorfällen.
Dass ein Gegenstand des Romans das Schreiben und eine Reflexion der Frage nach der Quelle oder aber Abwesenheit von Inspiration ist, zeigt die Bedeutung des handlungsauslösenden Moments: Wäre der Ich-Erzähler nicht mit seiner Promotion ins Stocken geraten, hätte er die Einladung des jungen Mannes als weniger verführerisch wahrgenommen: „Ik heb daarginds in de polders zelf een schilderatelier, zei hij, het is een oud gildehuis dat niet meer in gebruik is, het grenst aan een verwaarlosd park en een oud kasteeltje, ik kann er een mooie ruimte voor u vrijmaken waar u zich helemaal kunt afsluiten om in alle stilte werken.“[2]Diese Ausführungen machen deutlich, dass die Kombination der Wörter „Maleratelier“, „verwahrlost“ (im Sinne von „abgeschieden“), „freimachen“ und „in Ruhe arbeiten“ auf den mit der Enge des eigenen Arbeitszimmers hadernden Ich-Erzähler eine ungemein anziehende Wirkung entfalten und ihn dazu verleiten, dort den Ort zu vermuten, wo er Kraft und Inspiration für den erhofften intellektuellen Höhenflug findet.
Dabei ist die Ahnungslosigkeit, mit welcher der Kunstdozent dem unmoralischen Angebot des Studierenden zustimmt, mit jener Fausts vergleichbar: „Goed, zei ik zo droogjes mogelijk, waarom niet.“[3] – Mit einem derart uninspirierten „Ja, warum nicht“ stimmt der Kunstdozent demnach den Ausflügen und auch der Freundschaft mit dem jungen Studenten zu. Diese Entscheidung entfaltet sowohl auf sein Leben als auch seine kunsthistorischen Studien eine belebende Wirkung: Gemeinsame Besuche einer Heiligenstatue führen dem Dozenten etwa vor Augen, dass Kunst nicht allein auf intellektueller, sondern auch auf emotionaler Ebene ihre Wirkung entfaltet, wodurch wiederum kunsthistorische Ideale des Renaissancehumanismus reflektiert werden: Die in diesem Zeitraum entstandenen Werke orientierten sich im Rückgriff auf die Antike zugleich an Vernunft und Empirie, d.h. der konkret wahrnehmbaren und erfahrbaren (Natur-)Wirklichkeit.[4] Demzufolge ließe sich die Freundschaft des Dozierenden mit Dius als eine Erweiterung von dessen Erfahrungswirklichkeit und eine Intensivierung des Lebens bezeichnen, die zu einer Balance zwischen Vernunft und Lebenserfahrung führen kann.
Allerdings belässt es der Roman nicht bei einer rein affirmativen Reflexion vergangener Kunstperioden. Vielmehr werden im Verlauf der Erzählung zunehmend die Schattensatten dieses Vorhabens ersichtlich, durch ein Abenteuer mit einem Studierenden das Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit zu beleben. Insbesondere ein schwerer Autounfall bleibt dem Ich-Erzähler als im Wortsinn einschneidendes Ereignis in Erinnerung, wird er doch von einem Elchgeweih durchbohrt.[5]Diese Metaphorik des Eindringens wiederholt sich unter anderem an einer Stelle, an welcher der Ich-Erzähler von Dius gemalte Kunstwerke in dessen Abwesenheit entdeckt. In einer Art Tagebuch finden sich beispielsweise Abbildungen roter Blumen, die Dius offenbar mit seinem eigenen Blut gemalt hat. Dabei handelt es sich also um Herznarben, aus denen der junge Student Kunst gemacht hat: „Ik bladerde verder; tussen sommige bladen zat het zwartgele pluimpje van een pimpelmees, een gedroogd esdoornblad, het orchis-achtige kelkje van een leeuwenbek. Maar nergens een gedroogde papaver. En er waren veel schetsen, overal tekeningen, gemengde techniek, soms aquarel, met in de laatste afdeling een reeksje met als titel: Bloedtekeningen. De kleur was bruinig geworden als oude sepia, de lijnen waren korrelig. Ik begreep dat hij die met zijn eigen bloed moest hebben getekend.“[6] Diesem Abschnitt zufolge kann daher der physische und im übertragenen Sinne seelische Schmerz als Kehrseite des Lebendigen ebenfalls künstlerische Wirkung beeinflussen. Dass sich dies nicht allein auf Gemälde, sondern auch auf geschriebene Kunstwerke beziehen kann, liegt angesichts des vorliegenden Romans auf der Hand. Dem ließe sich ergänzend hinzufügen, dass der Ursprung des niederländischen Worts „„schrijven“ im Lateinischen sowohl „schreiben“ als auch „(auf eine Steintafel) ritzen“[7] bedeuten konnte. Der Roman reflektiert daher auch die medialen Bedingungen literarischen Schreibens als einen Moment des „Eindringens“: Ähnlich, wie bei einer antiken Schreibtafel die Oberfläche des Materials zerstört wurde, geht auch der vorliegende Roman „unter die Haut“.
Dies gilt für die Darstellung der geschilderten Freundschaft ebenso wie für die beeindruckenden Naturdarstellungen und das kunstvolle Einflechten von zahlreichen Musikstücken, die das Renaissancehafte des Textes erneut ästhetisch hervortreten lassen. Es geht hier darum, die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen, sie im Grunde empirisch zu erfahren und dabei zu einer vertieften Wahrnehmung der Wirklichkeit zu gelangen, die wiederum in Lektüre und Musik eine Erweiterung finden. Damit lehnt sich der Text wie auch die zitierten Renaissancekunstwerke deutlich an aus der antike überlieferte Naturbilder an, um deren zeitlose Aktualität vor Augen zu führen. Diese Anschaulichkeit führt auch dazu, dass Leser:innen ohne kunst-, musik- oder literaturhistorisches Vorwissen an der Lektüre Gefallen finden können.
Leser:innen, die Freude an literarischen Spiegelungen, intertextuellen Bezügen, der Entdeckung Alter Musik und der Reflexion über Kunst, Musik und Schreiben haben, werden darüber hinaus eine geistig anregende und anspruchsvolle Lektüre vorfinden. Sofern man die Geschichte nicht nur auf der narrativen Ebene, sondern auf einer übergeordneten auch als Suche nach Inspiration und einem erfüllten Leben auslegt, wirft der Roman grundlegende ästhetische Fragen auf: Braucht es Inspiration, um von der Idee zum Werk zu gelangen? Lässt sich diese Inspiration durch Erfahrungen von Lebendigkeit hervorrufen? Birgt diese Herangehensweise auch Risiken? Muss sie in einer Tragödie enden? Mi diesem Fragehorizont fordert Dius seine Leser:innen heraus. Dass der Text sich dieser poetologischen Selbstreflexion bewusst ist, wird in einem weiblichen Figurenkommentar zum Schluss offenbar: „Kun jij dan zelfs het lot van dat meisje niet zonder kunstzinnige mystificatie ervaren, Anton?“[8]Diese Aufforderung, nicht nur über Kunst nachzudenken, sondern auch zu fühlen, spiegelt das eigene Verfahren, Leben und Denken in Einklang zu bringen, welches letztlich auch eine Reminiszenz an vergangene Kunstepochen beinhaltet.
[1] HERTMANS, Stefan, Dius, 5. Aufl., Amsterdam, 2025, S. 12.
[2] Vgl. Ebd., S. 16.
[3] Ebd., S. 17.
[4] Vgl. Goer, Charis, Art. „Renaissance“, in: Achim Trebeß (Hrsg.), Metzler Lexikon Ästhetik. Kunst, Medien, Design
und Alltag, Stuttgart, Weimar, 2006, S. 329f., hier: S. 320.
[5] Vgl. Hertmans, Dius, S. 83f.
[6] Ebd.
[7] Das griechische Äquivalent, auf dem das lateinische Wort „scribere“ basiert, beinhaltet die Bedeutungen „Stift, Griffel“ sowie „ritzen und zeichnen“. Vgl. Art. „scrībō“, in: J. M. Stowasser u.a., Stowasser. Lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, München, Düsseldorf, Stuttgart, 2006, S. 485.
[8] Hertmans, Dius, S. 317.