Der vorliegende digitale Themenkoffer, der sich thematisch der kulinarischen Vielfalt im Beneluxraum widmet, bietet einen facettenreichen Einblick in die Thematik der Ernährung als kulturelle Bedeutungsträgerin. Versteht man Ernährung nicht lediglich als funktionale Praxis der Nahrungsaufnahme, sondern auch als historisch und sozial aufgeladene Ausdrucksform kollektiver Identität, stellt sie ein Spannungsfeld dar, in dem u. a. historische Machtverhältnisse, Migrationserfahrungen sowie regionale Differenzierungen Ausdruck finden und kontinuierlich neu verhandelt werden. Der Themenkoffer visualisiert diese Dynamiken exemplarisch anhand der drei Länder des Beneluxraums – Belgien, Niederlande und Luxemburg – und macht deren kulinarische Kulturen anhand konkreter Gerichte und wichtiger Rahmeninformationen lesbar.
Im Falle Belgiens führt der Themenkoffer die innere Heterogenität des Landesvor Augen, die ähnlich zur föderalen Struktur des Landes auch in seinen kulinarischen Traditionen deutlich wird. Die Differenzierung zwischen der flämischen, wallonischen, Brüsseler und ostbelgischen Küche verweist darauf, dass der Begriff der „Nationalküche“ in Belgien kein homogenes Konstrukt darstellt, sondern vielmehr ein Ensemble regional variierender Praktiken. Neben kulinarischen Stereotypen wie Fritten, Pralinen, Bier und Waffeln, die zuweilen als Identitätsmarker gelten, jedoch die tatsächliche Vielfalt nur unzureichend abbilden, charakterisiert sich Belgien auch durch eine überdurchschnittliche Dichte an Sterneküchen sowie zahlreiche postkoloniale und migratorische Einflüsse u. a. aus der heutigen DR Kongo.
In den Niederlanden zeigt sich ein Spannungsverhältnis zwischen einer eher bodenständigen, landwirtschaftlich geprägten Ernährungskultur und den mitunter tiefgreifenden Einflüssen aus der kolonialen Geschichte. Insbesondere aus den ehemaligen Kolonien Niederländisch-Indiens (heutiges Indonesien) und Surinams wurde eine Vielzahl von Gewürzen, Zubereitungsweisen und Gerichten in die niederländische Küche integriert. Wohlbekannte Beispiele wie Nasi Goreng oder die Erdnusssoße der Patat Oorlog illustrieren diese kulinarischen Transfers.
Die luxemburgische Küche wiederum zeichnet sich durch eine besondere Verbindung rustikaler Bodenständigkeit und französisch inspirierter Hochküche aus. Die Ernährungskultur basiert einerseits auf einfachen mitteleuropäischen Grundnahrungsmitteln und andererseits auf einer ausgeprägten frankophilen Genusskultur, aus der zahlreiche Michelin-prämierte Restaurants hervorgehen. Zudem diversifizierte die Migration aus Portugal und Italien die kulinarische Landschaft Luxemburgs und förderte kreative Adaptionen wie die Pastaschutta, die die italienische Pasta asciutta mit lokalen Zutaten kombiniert.
Insgesamt lädt der Themenkoffer zu einer Reise ein durch die kulinarischen Praktiken im Beneluxraum ein. Im Restaurant „Zur blauen Banane“ – der Name greift den allegorischen Namen für eine wichtige wirtschaftliche Großregion Mitteleuropas auf, deren Herzstück die Beneluxländer sind – werden die drei Esskulturen im wandelbaren Spannungsfeld von Regionalität und Nationalität, Vergangenheit und Gegenwart, Kolonialismus und Migration interaktiv präsentiert.









Weiterführende Literatur:
Aufderbeck, Jule/Liechty, Vincent/Schmitz, Sabine, „Kulinarische Diversität im Beneluxraum: Kulturelle Aushandlungsprozesse und Identitätsbildung über den Tellerrand hinaus“ (04.04.2025), in: Benelux.net (zuletzt aufgerufen am 30.06.2026).