1. Einleitung
Das Großherzogtum Luxemburg hat, spätestens seitdem das Luxemburgische im Jahr 1984 den Status einer Nationalsprache erhalten hat, international den Ruf eines Musterbeispiels für sprachliche Diversität erlangt. Die besondere Konstitution dieser Mehrsprachensituation, die sich einerseits durch die historisch und geographisch bedingte Verwendung des Französischen, des Deutschen und des Luxemburgischen kennzeichnet und andererseits seit Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem durch italienische und portugiesische Migrationsbewegungen neue Dynamiken entwickelt (cf. Hu/Wagner 2020: 353), zeigt sich insbesondere in der Hauptstadt Luxemburgs, die aufgrund ihrer „long term superdiversity“ (Berg/Milmeister/Weis 2013: 11) zuweilen als „kosmopolitische[ ] Metropole im Kleinformat“ (Fehlen/Heinz 2016: 30) gilt.
Vor diesem Hintergrund widmet sich der vorliegende Artikel der Darstellung und kritischen Analyse zentraler Eigenschaften der Mehrsprachigkeit in Luxemburg mit besonderem Blick auf die Stadt Luxemburg. Dazu wird zunächst eine historische Einordnung der Mehrsprachigkeit im Großherzogtum skizziert, um auf dieser Basis die aktuelle Sprachensituation zwischen historisch bedingter Mehrsprachigkeit und migrations- sowie globalisierungsgebundenen Tendenzen offenzulegen. Nachdem die Luxemburger Mehrsprachigkeit daraufhin aus einer sprach(en)politischen und institutionellen Perspektive beleuchtet wurde, gilt es abschließend, diese Erkenntnisse mit der realen mehrsprachigen Praxis, insbesondere im Hinblick auf die Hauptstadt, zu kontrastieren und dabei den aktuellen Diskurs einzubeziehen.
2. Geschichte und Entwicklung der Mehrsprachigkeit in Luxemburg
Bereits zu Zeiten des Römischen Reiches liegt auf dem heutigen Staatsgebiet Luxemburgs bis in das 6. Jahrhundert eine Koexistenz mehrerer Sprachen vor, vornehmlich des Germanischen, des Keltischen und des Lateinischen, letztere in ihrer Funktion als Verwaltungs- und Amtssprache (cf. Hu/Wagner 2020: 354). Im Zuge des Übergangs von der Antike zum Mittelalter, als sich das Gebiet der damaligen luxemburgischen Grafschaft auf 10.000 km2 ausweitet (cf. IPALR 2025: 9), erfolgt eine sprachgeographische Unterteilung in das quartier wallon, dem Französisch-Wallonischen Gebiet im Westen, und das quartier allemand, die Deutsch-Luxemburgische bzw. Moselfränkische Region im Osten (cf. Hu/Wagner 2020: 354, Langner 2019: 98). Im Verlauf des Mittelalters setzt sich diese Mehrsprachensituation fort, jedoch entwickelt sich das Französische insbesondere mit dem Übergang zur Aufklärung sowie der französischen Revolutionstruppen zum Ende des 19. Jahrhunderts zur Lingua franca (cf. IPALR 2025: 9). Die in dieser Epoche dominierende Tendenz, die französische Sprache mit Kultur, Bildung, Freiheit und demokratischer Neuordnung zu assoziieren, beschleunigt den Prozess der Festigung des Französischen im Bildungsbürgertum sowie im Gesetzes- und Verwaltungsbereich (cf. Fehlen 2013: 38-39), wohingegen sich das Luxemburgische vermehrt im Alltag etabliert (cf. IPALR 2025: 9). Mit dem Fall des Napoleonischen Reiches und der monarchischen Restauration wird Luxemburg im Zuge des Wiener Kongresses 1815 zu einem eigenen Staat und zudem Teil des Deutschen Bundes, wodurch, entgegen der bis dato vornehmlich frankophilen Sprachpolitiken, eine doppelte Sprachpolitik umgesetzt wird:
Wegen der Personalunion mit den Niederlanden unterlag Luxemburg zunächst der Batavisierungspolitik, mit der [der luxemburgische Großherzog und zugleich König der Niederlande] Wilhelm I. die alten Spanischen Niederlande des 15. Jahrhunderts wiederaufleben lassen wollte. […] Gleichzeitig förderte er das Französische, um die Distanz des Großherzogtums zum Deutschen Bund zu vertiefen (Fehlen 2013: 40).
Inmitten dieser komplexen Sprachpolitik avanciert das Luxemburgische zunehmend zur „Sprache nationaler Zugehörigkeit“ (IPALR 2025: 9) mit kollektiver identitätsstiftender Funktion. So entstehen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche lyrische, narrative und dramaturgische Werke sowie erste Lexika auf Luxemburgisch (cf. ibid.).
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt sich in Luxemburg vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges ein ausgeprägteres Nationalgefühl und Sprachbewusstsein (cf. Pinter 2023: 63, 69), das das Französische und Deutsche als Fremdsprachen abqualifiziert und das Luxemburgische als „Muttersprache“ stabilisiert (cf. Hu/Wagner 2020: 354). Nach der Degradierung des Luxemburgischen zu einem Dialekt und der erzwungenen Germanisierung Luxemburgs durch die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkrieges (cf. IPALR 2025: 10) konsolidiert sich die gesellschaftliche Mehrsprachigkeit in der Nachkriegszeit erneut und erfährt in den kommenden Jahrzehnten durch verschiedene Migrations- und Arbeiterbewegungen insbesondere aus Italien, Portugal und dem damaligen Jugoslawien neue Dynamiken (cf. Pinter 2023: 64). Diese Bewegungen, die sich neben der Niederlassung europäischer Institutionen in Luxemburg vor allem auch aus den täglichen Berufspendlerströmen aus den deutschen, belgischen und französischen Grenzregionen ergibt (cf. IPALR 2025: 10, Pinter 2023: 62), stellt bis heute einen wichtigen Faktor für die Konstitution der luxemburgischen Mehrsprachigkeit dar (cf. Fehlen/Heinz 2016: 27) und ist daher auch Gegenstand der folgenden Kapitel.
3. Sprachenpolitik und (bildungs-)institutionalisierte Mehrsprachigkeit
Die historisch gewachsene Mehrsprachigkeit ist in Luxemburg seit 1984 sprachpolitisch verankert und wird auf Basis des Sprachgesetzes Loi du 24 février 1984 sur le régime des langues geregelt. Seit seinem Inkrafttreten ist Luxemburg offiziell dreisprachig: Luxemburgisch fungiert, wie in Artikel 1 formuliert, als Nationalsprache (cf. Luxemburger Regierung 1984: 196), wohingegen Französisch in Artikel 2 die Rolle als alleinige Gesetzessprache einnimmt (cf. ibid.: 196) und so in einer gewissen Kontinuität mit dem Code Napoléon, dem Zivilgesetzbuch aus dem Jahr 1804, steht. Deutsch erscheint nicht in einer eigenständigen Statuskategorie, sondern wird erst in Artikel 3 gemeinsam mit Französisch und Luxemburgisch als Verwaltungs- und Gerichtssprache aufgeführt (cf. ibid.: 197). Auffällig ist an dieser Stelle die Reihenfolge der drei Sprachen – Französisch, Deutsch, Luxemburgisch –, denn Luxemburgisch wird trotz seiner Stellung als Nationalsprache in seiner Funktion als Verwaltungs- und Gerichtssprache als letztes aufgeführt. Vor dem Hintergrund der zu dieser Zeit zunehmenden Globalisierung und Immigration sowie der Gründung der Europäischen Union 1993 wird dieses Sprachgesetz zuweilen als „identitätsbezogene Reaktion auf wirtschaftliche und soziokulturelle Veränderungen“ (Hu/Wagner 2020: 354) eingestuft.
Der ambivalente politische und gesellschaftliche Diskurs über die luxemburgische Identitätssuche und -ausgestaltung wird auch in der öffentlichen und institutionellen Mehrsprachigkeitsdiskussion sichtbar: Während die einen die Stellung des Luxemburgischen als „Zugehörigkeits- bzw. Ausgrenzungsfaktor der nationalen Identität“ (ibid.: 355) auffassen, so sehen die anderen gerade in der Dreisprachigkeit und der damit verbundenen interkulturellen Sensibilität das Alleinstellungsmerkmal und Potential Luxemburgs (cf. ibid.). Diese entgegengesetzten Meinungsbilder finden auch im luxemburgischen Schulsystem ihre Entsprechung. So erfolgt, nach einem zweijährigen auf Luxemburgisch und Französisch ausgerichteten Grund- bzw. Vorschulzyklus, an den meisten luxemburgischen Grundschulen die Alphabetisierung auf Deutsch und auch der Unterricht findet mit Ausnahme der Fächer Mathematik und Französisch auf Deutsch statt. Französisch wird bereits früh als Fach erteilt und löst ab dem 10. Schuljahr (4e ESC) außer im Deutsch- und Englischunterricht Deutsch als Unterrichtssprache ab (vgl. Langner 2021: 2, Luxemburger Ministerium für Bildung, Kinder und Jugend 2024). Luxemburgisch ist in diesen Phasen hingegen Kommunikations- bzw. Verkehrssprache (cf. ibid.). Ab dem zweiten Schuljahr an der weiterführenden Schule (2e ESC) werden Englisch oder Latein obligatorisch als dritte Fremdsprache erlernt. Hierbei gilt es anzumerken, dass die Luxemburger*innen oft über exzellente Englischkenntnisse verfügen, was auf den Umstand zurückgeführt werden kann, dass das Englische sowohl germanische als auch romanische Sprachelemente aufweist und es daher von den Lernenden auf Basis der zuvor angeeigneten Sprachen leichter erlernt werden kann (cf. Langner 2021: 2). Zuletzt können die Schüler*innen fakultativ ab dem fünften Jahr der Sekundarstufe (3e ESC) Italienisch oder Spanisch als vierte moderne Fremdsprache wählen (cf. Luxemburger Ministerium für Bildung, Kinder und Jugend 2024). Das im Vergleich zu anderen europäischen Ländern breite Angebot an schulischen Fremdsprachen und die Förderung ihrer Erlernung spiegelt die allgemeine Sprachendiversität Luxemburgs wider und eröffnet den Schüler*innen auf diese Weise einen Zugang zur Teilhabe an der Luxemburger Gesellschaft. Trotz der zahlreichen Vorteile steht die bildungspolitisch institutionalisierte Mehrsprachigkeit Luxemburgs auch in der Kritik. So merken Kritiker*innen beispielsweise an, dass die Alphabetisierung auf Deutsch angesichts des hohen Anteils an Schüler*innen mit Migrationshintergrund, die überwiegend die romanischen Muttersprachen Italienisch und Portugiesisch aufweisen und zuhause kein Luxemburgisch sprechen, nicht mehr zeitgemäß sei, diese Kinder und Jugendliche sprachlich und sozial vor Hürden stelle (cf. Langner 2021: 2) und somit zur Bildungsungerechtigkeit beitrage. Seit 2022 läuft vor diesem Hintergrund das Pilotprojekt „ALPHA – Zesumme wuessen“, in dessen Rahmen die Eltern vierer Grundschulen selbst entscheiden dürfen, ob ihre Kinder auf Deutsch oder Französisch alphabetisiert werden (Gantenbein 2025). Diese nicht unumstrittene Reform soll 2026 auf ganz Luxemburg ausgeweitet werden, wodurch auch der Bedarf an geeigneten französischsprachiger Lehrkräften und ausreichenden Räumlichkeiten signifikant ansteigt (cf. ibid.).
Wie das Deutsche vor dem Hintergrund der hohen Immigration im schulischen Bereich auf Kritik stößt – Luxemburg ist mit einem Ausländer*innen-Anteil von 47% (Stand 2025, cf. statistiques.lu 2025) innerhalb der Europäischen Union das Land mit dem höchsten Anteil an Migrant*innen in der Bevölkerung[1] (cf. Timm 2017: 303) –, so wird die Stellung des Französischen für erwachsene Zugewanderte infrage gestellt: Da Französisch noch immer als Verwaltungssprache in den luxemburgischen Einwanderungsbehörden dominiert, wurde 2016 beispielsweise eine Petition ins Leben gerufen, die forderte, Luxemburgisch obligatorisch zur ersten Amtssprache zu erheben. Dieser Logik folgend müssten Migrant*innen diese Sprache als erste erlernen (cf. Pinter 2023: 72). Auch wenn diese Petition nicht durchgesetzt werden konnte, wird auf politischer Ebene seit 2018 die „Strategie zur Förderung der luxemburgischen Sprache“ verfolgt, die durch das gleichnamige Gesetz Loi du 20 juillet 2018 relative à la promotion de la langue luxembourgeoise gerahmt wird und folgende vier übergeordnete Ziele formuliert:
- Die Förderung der Bedeutung der luxemburgischen Sprache;
- Die Fortentwicklung der Normung, der Benutzung und des Studiums der luxemburgischen Sprache;
- Die Förderung des Erlernens der luxemburgischen Sprache und Kultur;
- Die Förderung der Kultur in luxemburgischer Sprache. (Luxemburger Regierung 2024)
Die damit verknüpften Maßnahmen, u. a. „die Normung der luxemburgischen Sprache [und] die Bereitstellung offizieller Inhalte in luxemburgischer Sprache“ (ibid.), stehen nicht im Gegensatz zur historisch gewachsenen und gesetzlich verankerten Sprachfreiheit und stellen vielmehr ein kultur- und sprachenpolitisches Instrument zum Erhalt des Luxemburgischen dar. Die Notwendigkeit dieser Förderung ergibt sich daraus, dass die „Wohn- und hauptsächlich auch die Erwerbsbevölkerung […] schneller [wachsen] als die Zahl der Luxemburgisch-Sprecher“ (Fehlen/Heinz 2016: 27). Aus diesem Grund entschied die Luxemburger Regierung 2017, dass Zugewanderte nur die Staatsangehörigkeit erlangen können, wenn sie nachweislich über ausreichend Luxemburgisch-Kenntnisse verfügen (cf. IPALR 2025: 10). Zudem wurde die besondere Stellung dieser Sprache 2023 erneut in der Luxemburger Verfassung untermauert, indem festgelegt wurde, dass das Luxemburgische die Sprache des Großherzogtums sei (cf. Krämer/Ehrhart 2025: 2019).
4. Zur mehrsprachigen Praxis in Luxemburg
Die offizielle Dreisprachigkeit Luxemburgs bildet zwar den Rahmen der konstitutionellen und bildungspolitischen Mehrsprachigkeit des Landes, deckt jedoch nur zum Teil die reale und alltägliche Mehrsprachigkeit ab. In Luxemburg kommen rund 180 Nationalitäten zusammen (cf. ibid.: 5), wodurch sich eine wesentlich diversere Sprachenlandschaft ergibt. Daher ist es von besonderem Interesse, den Blick auf die Ausgestaltung der mehrsprachigen Praxis in Luxemburg mit besonderem Fokus auf die Stadt Luxemburg zu richten, da sich die dortige Mehrsprachigkeit mit einem Ausländer*innen-Anteil von ca. 70 % im Jahr 2025 (cf. Administration communale de la Ville de Luxembourg s. a.) auf besondere Weise konstituiert.
Laut Ergebnissen einer empirischen Studie aus dem Bereich der Sozialforschung aus dem Jahr 2016 wird Luxemburgisch in der Hauptstadt von nur 43 % der Bevölkerung als Familiensprache gesprochen, wohingegen sich dieser Anteil in den Peripherien des Landes und insbesondere im Norden erhöht (cf. Fehlen/Heinz 2016: 136). Diese Tendenz zeichnet sich gleichermaßen für das Luxemburgische als Umgangssprache am Arbeitsplatz und in der Schule ab, denn in diesem Zusammenhang bildet die Hauptstadt mit deutlich niedrigeren Sprecher*innen-Anteilen das Schlusslicht (cf. ibid.).
Die Präsenz des Französischen in privaten und schulischen Kontexten steht in engem Zusammenhang mit den frankophonen Bevölkerungsschichten aus Belgien und Frankreich in den Grenzregionen, d. h. insbesondere im Westen Luxemburgs (cf. ibid.). In der Hauptstadt ist Französisch hingegen vornehmlich die Umgangssprache am Arbeitsplatz, was auf den Umstand zurückzuführen ist, dass dort die höchste Sprachenvielfalt im Land vorliegt und Französisch dort die Funktion einer „Sprache der Verständigung zwischen Personen mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen“ (ibid.: 137) hat.
Deutsch ist insbesondere im Medienbereich sehr präsent und spielt in der luxemburgischen Presse, dem Fernsehen und auch in der Kultur eine wichtige Rolle (cf. Langner 2019: 101), d. h. hauptsächlich im schriftsprachlichen Distanzbereich. Diese Funktion des Deutschen geht allerdings seit einigen Jahren zunehmend zurück, denn die Presse ist bereits zu einem „regelrechte[n] Spiegel der sprachlichen Alltagssituation“ (IPALR 2025: 20) avanciert. So bieten verschiedene Fernseh- und Radiosender als auch Printmedien Inhalte in allen drei offiziellen Landessprachen als auch auf Englisch und Portugiesisch an (cf. ibid.). Im privaten Bereich und in der Arbeitswelt kann das Deutsche als Verkehrssprache überwiegend im Osten Luxemburgs wahrgenommen werden, es hat hier jedoch im Gegensatz zum Französischen keine örtlichen Epizentren wie das Französische (cf. Fehlen/Heinz 2016: 137).
Die beiden Minderheitssprachen Portugiesisch und Italienisch werden jenseits der schulischen Vermittlung als Fremdsprachen überwiegend dort gesprochen, wo sich die Zugewanderten dieser Sprachgemeinschaften in Luxemburg niedergelassen haben. Portugiesisch wird insbesondere im Südwesten Luxemburgs und in der zum Kanton Mersch gehörenden Gemeinde Larochette gesprochen (cf. ibid.). Italienisch ist ebenfalls im Südwesten des Landes verbreitet, da damals die ersten italienischen Arbeitssuchenden dort in der hiesigen Stahlindustrie Arbeit fanden und sich niederließen (cf. ibid.: 138).
Aufgrund zahlreicher internationaler Institutionen, der International School und der Universität von Luxemburg, deren drei offiziellen Sprachen Französisch, Deutsch und Englisch sind (cf. Uwera/Heuschling 2017: 329) und die Luxemburgisch als Umgangssprache lediglich in solchen Studiengängen erlaubt, die diese Sprache literarisch oder sprachlich zum Gegenstand haben (cf. ibid.), weist das Englische in der Hauptstadt eine besondere Rolle auf und erreicht sowohl als Umgangssprache an den Schulen als auch auf der Arbeit Höchstwerte (cf. Fehlen/Heinz 2016: 138). In der Hauptstadt besteht eine in diesem Kontext weitere bedeutende Institution die European School Luxembourg, die mit ihren 14 Sprachsektionen neben Englisch, Deutsch, Französisch, Portugiesisch und Italienisch auch „muttersprachlichen Unterricht […] in Niederländisch, Finnisch, Isländisch, Japanisch, Norwegisch, Russisch und Schwedisch“ (cf. ibid.: 139) anbietet und so weitreichend zur Sprachendiversität beiträgt. Daran zeichnet sich abermals die Luxemburger Strategie ab, durch sprachliche Inklusion im Bildungsbereich, auch z. B. durch vom Staat geförderte internationale Erasmus-Projekte, zum sozialen Zusammenhalt des Landes beizutragen und über Kommunikation Brücken zu bauen (cf. Ehrhart 2025: 5-6).
5. Fazit und Ausblick
In der Zusammenschau der im Verlauf dieses Artikels untersuchten historischen und aktuellen Ausprägungen der Luxemburger Mehrsprachigkeit kann festgehalten werden, dass sich das auf den ersten Blick von vielen als frankophon wahrgenommene Luxemburg bei näherer Betrachtung als ein in sprachlicher Hinsicht höchst diverses Land erweist. Über Jahrhunderte hinweg hat sich die Mehrsprachigkeit in Luxemburg durch territoriale Neuordnungen, Fremdherrschaften, (sprach-)politische Entscheidungen sowie identitätsorientierte Reaktionen geformt. Heutzutage ist Luxemburg konstitutionell dreisprachig: Luxemburgisch ist Nationalsprache, Französisch Gesetzessprache und Französisch, Deutsch und Luxemburgisch sind zudem Verwaltungssprachen. Alle drei Sprachen spielen in der schulischen Bildung eine wichtige Rolle und werden, wenn auch unterschiedlich gewichtet, allesamt im schulischen Curriculum berücksichtigt. Zudem wird Luxemburgisch aufgrund der bestehenden Sprachfreiheit als identitätsförderndes Kulturerbe aktiv gefördert.
Jenseits der offiziellen Rahmung variieren die realen mehrsprachigen Praktiken im Alltag in den verschiedenen Bereichen wie Schule, Arbeit und Zuhause stark. Die Stellung der einzelnen Sprachen im polyglotten Gefüge ist dynamisch und erfährt derzeit verschiedene Wandel, wie zum Beispiel in der für lange Zeit Deutsch geprägten Presse- und Medienlandschaft, in der sich immer mehr Inhalte in den zahlreichen in Luxemburg vertretenen Sprachen finden, um so auch dem kulturellen, mehrsprachigen und sozialen Hintergrund der nicht luxemburgischen Bevölkerung Rechnung zu tragen.
Die Formulierung von Prognosen über die zukünftige Entwicklung und Ausgestaltung der komplexen Mehrsprachigkeit in Luxemburg ist vor der Folie der aufgezeigten Superdiversität schwierig. Die aktuelle Luxemburger Regierung weist jedoch explizit darauf hin, dass auch in Zukunft die „Förderung des Luxemburgischen […] Hand in Hand mit der Förderung der Mehrsprachigkeit“ (IPALR 2025: 29) gehen werde, da das Beherrschen mehrerer Sprachen in Luxemburg als wertvolle individuelle und gesellschaftliche Ressource wertgeschätzt werde und Menschen in den alltäglichen interkulturellen Settings des Landes zueinander führe (cf. ibid.).
Literaturverzeichnis
BERG, Charles, MILMEISTER, Marianne und WEIS, Christiane, „Superdiversität in Luxemburg?“, in: Heinz Sieburg (Hrsg.), Vielfalt der Sprachen – Varianz der Perspektiven. Zur Geschichte und Gegenwart der Luxemburger Mehrsprachigkeit, Bielefeld, 2013, S. 9-36.
EHRHART, Sabine, „Les langues étrangères et les langues de contact : Entre distance et proximité, un défi pour la didactique des langues“, in: LHUMAINE, 5, 1-14. Online verfügbar unter: https://lhumaine.numerev.com/articles/revue-5/3970-les-langues-etrangeres-et-les-langues-de-contact-entre-distance-et-proximite-un-defi-pour-la-didactique-des-langues (13.02.2026).
FEHLEN, Fernand und HEINZ, Andreas, Die Luxemburger Mehrsprachigkeit. Ergebnisse einer Volkszählung, Bielefeld, 2016.
FEHLEN, Fernand, „Die Stellung des Französischen in Luxemburg. Von der Prestigesprache zur Verkehrssprache“, in: Heinz Sieburg (Hrsg.), Vielfalt der Sprachen – Varianz der Perspektiven. Zur Geschichte und Gegenwart der Luxemburger Mehrsprachigkeit, Bielefeld, 2013, S. 37-79.
HU, Adelheid und WAGNER, Jean-Marc, „Zwischen Tradition und Globalisierung. Mehrsprachigkeit in Luxemburg“, in: Ingrid Gogolin, Antje Hansen, Sarah McMonagle und Dominique Rauch (Hrsg.), Handbuch Mehrsprachigkeit und Bildung, Wiesbaden 2020, S. 353-357.
KRÄMER, Philipp und EHRHART, Sabine, „Nachbarsprachen Frankreichs. Zentralismus und Peripherien“, in: Steffen Höder und Philipp Krämer (Hrsg.), Nachbarsprachen – Sprachnachbarn. Mehrsprachigkeit und Sprachpolitik in Deutschlands Grenzregionen, Baden-Baden, 2025, S. 313-359.
LANGNER, Michael, „Fluide Dreisprachigkeit im kleinen Grossherzogtum. Historische und aktuelle Mehrsprachigkeit Luxemburgs“, in: Sprachspiegel, 75/4, 2019. S. 98-103.
LANGNER, Michael, „Mehrsprachigkeit – konkret. Und: Luxemburg als europäischer Musterschüler?“, in: Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht, 26/2, 2021, S. 1-19.
PINTER, Caroline, Mehrsprachigkeit und Identitätsbildung im Großherzogtum Luxemburg. Eine sprachbiografische und diskurslinguistische Untersuchung im superdiversen Kontext, Berlin und Boston, 2023.
TIMM, Christian, Rezension zu: Ehrhart, Sabine, Europäische Mehrsprachigkeit in Bewegung: Treffpunkt Luxemburg / Des plurilinguismes en dialogue: rencontres luxembourgeoises, Bern/Berlin/Brüssel 2014, 247 S., in: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur, 127/3, 2017, S. 301-308.
UWERA, Francine und HEUSCHLING, Luc, „Mehrsprachigkeit in der juristischen Ausbildung an der Universität Luxemburg: Rechtswissenschaft trifft Mehrsprachigkeitsforschung“, in: Patrick Warto, Jörg Zumbach, Otto Lagodny und Hermann Astleitner (Hrsg.), Rechtsdidaktik – Pflicht oder Kür?, Baden-Baden, 2017, S. 325-340.
Onlinequellen
ADMINISTRATION COMMUNALE DE LA VILLE DE LUXEMBOURG, „La ville en chiffres“, in: Ville de Luxembourg (s. a.), URL: https://www.vdl.lu/fr/la-ville/en-bref/la-ville-en-chiffres, (13.02.2026).
GANTENBEIN, Michèle, „Projekt ALPHA startet ab September 2026 landesweit im Zyklus 1.2“, in: Luxemburger Wort (18.03.2025), URL: https://www.wort.lu/politik/projekt-alpha-startet-ab-september-2026-landesweit-im-zyklus-1.2/49933996.html, (13.02.2026).
INFORMATIONS- UND PRESSEAMT DER LUXEMBURGER REGIERUNG (IPALR), „Apropos… Sprachen in Luxemburg“, in: gouvernement.lu (19.11.2025), URL: https://sip.gouvernement.lu/dam-assets/publications/brochure-livre/minist-etat/sip/brochure/a-propos/A_propos_Langues/a-propos-des-langues-2025-de.pdf, (13.02.2026).
STATISTIQUES.LU, „En 2024, une croissance démographique ralentie par une faible fécondité et un recul de l’immigration“, in: statistiques.lu – le portail des statistiques (13.05.2025), URL : https://statistiques.public.lu/fr/actualites/2025/stn16-population-2025.html, (13.02.2026).
LUXEMBURGER MINISTERIUM FÜR BILDUNG, KINDER UND JUGEND, „Die Sprachen in der Luxemburger Schule“, in: Men.lu – Site du ministère de l’Éducation nationale, de l’Enfance et de la Jeunesse (09.08.2024), URL: https://men.public.lu/de/systeme-educatif/langues-ecole-luxembourgeoise.html, (13.02.2026).
LUXEMBURGER REGIERUNG, „Loi du 24 février 1984 sur le régime des langues“, in: gouvernement.lu (27.02.1984), URL: https://legilux.public.lu/filestore/eli/etat/leg/memorial/1984/a16/fr/pdf/eli-etat-leg-memorial-1984-a16-fr-pdf.pdf, (13.02.2026).
LUXEMBURGER REGIERUNG, „Strategie zur Förderung der luxemburgischen Sprache“, in: gouvernement.lu (17.10.2024), URL: https://gouvernement.lu/de/dossiers/2018/langue-luxembourgeoise.html, (13.02.2026).
[1] Bei den Statistiken zum Ausländer*innen-Anteil in der Bevölkerung ist es wichtig, diese Zahlen vor der Folie der in Luxemburg häufig vorliegenden doppelten Staatsbürgerschaft zu betrachten.