Cees Nootebooms Turbulenzen zeichnet das Bild eines rastlosen Reisenden, der Europa als Raum kultureller Begegnung erfährt. Pilgerschaft, Fremdheit und Grenzüberschreitungen prägen sein Schreiben und verbinden niederländische, belgische und europäische Perspektiven zu einem offenen Dialog der Kulturen.
„Weltfahrer“[1], Europareisender[2], Reiseautor[3] sind nur einige Bezeichnungen, mit denen der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom (*31.7.1933 in Den Haag, gest. 11.2.2026 auf Menorca) bedacht wurde. Auch er selbst hat sich immer wieder als Reisender charakterisiert, beispielsweise in folgender Passage: „Ich bin noch achtzehn als ich schreibe: ,Zigeuner sind wir hier, Pilger auf dem Weg in ein fernes Land. So will ich mich fühlen.‘“[4] An dieser Stelle prägt die Suche nach dem Anderen das narrative Ich stärker als jede Form der Heimatverbundenheit.[5]
Lässt sich Nootebooms Literatur angesichts eines solchen Gefühls der Andersheit überhaupt noch als spezifisch ,niederländisch‘ charakterisieren oder speist sich sein Werk vielmehr aus diesen produktiven kulturellen Grenzüberschreitungen? Dieser Artikel folgt der Prämisse, dass das eine das andere nicht zwangsläufig ausschließt, sondern dass paradoxalerweise gerade das Weltoffene ein wesentliches Merkmal ,niederländischer‘ Literatur sein kann. Inwiefern sich diese Aussage begründen lässt, wird im Folgenden weiter ausgeführt.
Nur ein Pilger auf der Welt
Zunächst soll gezeigt werden, inwiefern Nooteboom sein erzählerisches Ich als grundsätzlich reisende Figur charakterisiert und dadurch ein Menschenbild etabliert, das mit Begriffen wie ,Pilgerschaft‘, ,Suchbewegung‘ und ,Fremdheitserfahrung‘ umschrieben werden kann. Dies zeigt sich bereits in seiner ersten Reiseerzählung „Turbulenzen“, die Teil des Bandes Roter Regen ist.
„Während jener Reise erlebte ich, wie auch immer, eine erste Konfrontation mit dem anderen, eine Konfrontation, die ich für den Rest meines Lebens unaufhörlich weiter suchen sollte.“[6] Dieser Satz veranschaulicht in der Retrospektive Nootebooms erste Fahrt nach Belgien. Es ging „mit dem Fahrrad von Hilversum bis ganz nach Belgien und Luxemburg“[7], ein Abenteuer, das den Titel „turbulent“ mehr als verdient. In unprätentiöser und vornehmlich sinnlicher Weise erzählt Nooteboom von den Stationen dieser Tour und inszeniert sein literarisches Ich als beobachtende Figur mit ausgeprägter Aufmerksamkeit für fremde Kulturen:
Wir fuhren in einem Rutsch nach Den Bosch [im Süden der Niederlande, Anm.], besuchten dort die Kathedrale und übernachteten in Tilburg, der Heimatstadt meiner Eltern. Über die Kathedrale weiter kein Wort, immerhin aber habe ich auf der nächsten Seite eine Ansichtskarte vom Chorgestühl im belgischen Dienst geklebt. 1941 steht darunter in der Krakelschrift meiner ungeformten Seele – und wie es aussieht, muß ich noch mal nach Diest, denn die geschnitzten Miserikordien, an die sich die Chorherren mit dem Hintern lehnen konnten, sehen auf dieser Karte interessant genug aus.[8]
Damit reaktualisiert Nootebooms Text die bereits im christlichen Mittelalter virulente Vorstellung einer Pilgerschaft auf Erden: Das Ich begreift seine Lebenszeit als endlich und das Leben als eine Reise. In diesem Sinne lässt sich das von dem jungen Nooteboom aufgezeichnete Lebensgefühl – „,Zigeuner sind wir hier, Pilger auf dem Weg in ein fernes Land. So will ich mich fühlen.‘“[9] – als Suchbewegung charakterisieren, die keinen festen Heimatpunkt mehr hat. Insofern deutet sich in „Turbulenzen“ nicht nur eine Form kultureller Offenheit an, sondern auch ein Rückgriff auf christlich geprägte Metaphoriken, die das Leben metaphorisch als Reise fassen.
Hierzu passt ein von Zurückhaltung und Bescheidenheit geprägter Stil: Persönliche Beobachtungen kommen in weitgehend schmuckloser Sprache zum Ausdruck. Metaphern und andere rhetorische Verdichtungen treten nur punktuell hervor, etwa wenn von „der Krakelschrift meiner ungeformten Seele“ [10] die Rede ist. Diese nüchterne Sprache unterstreicht ein Menschenbild, das keinerlei Besitzansprüche auf Erden erhebt und sich daher nur als ,Bewohner auf Zeit‘ versteht.
Barocke Metaphoriken
Ähnliches gilt für das Weltbild, das in einer Erzählung Nootebooms von einer Schiffsreise deutlich zum Ausdruck gelangt: Wie in „Turbulenzen“ geschildert, begibt er sich 1957 mit der Gran Rio nach Südamerika, um in Surinam ein Mädchen wieder zu treffen, in das er sich verliebt hatte.[11] Allein dieses Liebesabenteuer im Wortsinne verdient den Titel „Turbulenzen“, und auch die Reise selbst verläuft nicht ohne Schwierigkeiten: „Angst, damals undenkbar, spüre ich jetzt“[12], wird Nooteboom viele Jahre später in ein Gedicht über diese Reise schreiben, wobei es gerade kein spektakulärer Sturm ist, der dem Autor Furcht einflößt, sondern das Gefühl, als kleiner Mensch auf dieser riesigen Meeresoberfläche vor sich hin zu treiben.[13]
Hier artikuliert sich ein Lebensgefühl, das mit dem zuvor beschriebenen Gestus der Bescheidenheit korrespondiert: Es ist die Erfahrung, auf sein eigenes Ich zurückgeworfen zu sein und seine eigene körperliche Beschränktheit zu erleben, weil diese im Kontrast zur scheinbaren Unendlichkeit des Meeres steht. Ähnlich, wie im christlichen Europa das Leben oft als turbulente Schiffsreise dargestellt wurde[14], klingt in Nootebooms Erinnerungen der Gedanke einer unruhig verlaufenden Lebensfahrt an. Die literarische Sprache, die Nooteboom verwendet, ist folglich eine Konsequenz dieser Selbst- und Welterfahrung: Ihr liegt die Einsicht zugrunde, dass das eigene Ich, wie auch die eigene Kultur, nicht ,groß‘ sein kann, weil dies existenziellen Grunderfahrungen entgegensteht. Gerade wegen dieser spezifischen Form der Demut lässt sich „Turbulenzen“ als Werk lesen, das nicht nur im niederländischen, sondern auch im weiteren belgischen und luxemburgischen Literaturkontext anschlussfähig ist; denn nicht die großen kulturellen Inszenierungen, sondern die kleinen, individuellen Momente verleihen der dargestellten ‚Reise auf Erden‘ ein prägnantes Profil.
Dass der belgische und auch der luxemburgische Kulturraum in Nootebooms Reisebuch mitgedacht wurden, erweist sich nicht zuletzt aufgrund der Reise durch den Beneluxraum als schlüssig: Nootebooms Erinnerungen verbinden bewusst alle drei Länder miteinander und lassen auch die Grenzen zwischen den Kulturen unscharf werden. So kennzeichnet Nooteboom in seiner Erinnerung die Kirche im Süden der Niederlande ebenso als ,belgisch‘: Er klebt auf das Chorgestühl eine Karte von Belgien[15] und markiert dadurch die Kirche nicht nur als Teil niederländischer, sondern auch als belgischer Kultur. Der Kirchenraum wird daher zu einem Grenzphänomen, das beiden Kulturräumen zugeordnet werden kann. Gemeinsame religiöse Wurzeln werden demgemäß zum Anlass eines interkulturellen, verbindenden Dialogs, der im weiteren Verlauf des Textes auch geweitet wird: so etwa, wenn Nootebooms literarisches Alter Ego mittellos durch Rom pilgert und von einem liebenswürdigen Einheimischen freundschaftlich aufgenommen wird.[16] Auch hier ist unübersehbar christliche Symbolik in den Text eingeflossen, etwa Nächstenliebe und gemeinschaftliche Mahlzeiten[17].
Alles in allem verlassen Nootebooms Reiseerzählungen daher bewusst die einengende nationale Perspektive, um das ,Andere‘, ,Fremde‘ europäischer Kulturen zu entdecken und erstaunlicherweise das ,Eigene‘ wiederzufinden, das alle Länder miteinander verbindet. Insofern sind die erzählten Pilgerfahrten durch Europa Teil eines Dialogs der Kulturen, den Nooteboom bewusst außerhalb seiner eigenen Kultur führt. Gerade darin zeigt sich paradoxerweise eine Weltoffenheit, wie sie den Niederlanden aufgrund ihrer traditionellen Rolle als internationale Handelsnation häufig zugeschrieben wird, wie beispielsweise in der Rede vom „Goldenen Zeitalter“, das Menschen aus vielen Ländern angezogen und interkulturellen Austausch befördert haben soll[18].
Nicht zu vergessen ist diesbezüglich, dass diese Perspektive in den Niederlanden zunehmend infrage gestellt wird: Wie etwa Lucassen und Lucassen anführen, hat sich in den 2000er-Jahren eine Art seismischer Schock in der Gesellschaft ereignet, der einen Wandel von Toleranz und Multikulturalität hin zu anti-immigrantischen und anti-muslimischen Perspektiven verursacht habe.[19] Während noch in den Aufschwungsjahren nach dem Zweiten Weltkrieg die Restrukturierung von ausländischen Gastarbeiter*innen, ähnlich wie in Deutschland, dazu diente, das eigene Wirtschaftswachstum zu vergrößern[20] und in den 1950ern und 1960ern die niederländische Gesellschaft Einwanderung eher mehrheitlich positiv bewertete[21], führten nicht zuletzt politische Maßnahmen gegen sozio-ökonomischer Probleme vieler Immigrant*innen seit den 1980ern zu einer zunehmend skeptischeren Einstellung[22]. Die Wechselwirkungen zwischen Weltöffnung und wirtschaftlichem Denken ist ein Aspekt, den es sich an anderer Stelle zu ergründen lohnt. Bezogen auf Nootebooms „Turbulenzen“ unterstreicht diese Problematik jedoch nur die Relevanz dieses Textes als ein Eintreten für interkulturelle Offenheit.
BAHLKE, Michael, EICKMANNS, Heinz, „Chronik: Niederländische Literatur in deutscher ̈Ubersetzung (1. und 2. Halbjahr 2005)“, in: Nachbarsprache Niederländisch, Jg. 20, Nr. 1-2, 2005, S. 107-120.
BORMANN, Alexander von Bormann, SCHABER, Susanne, Art. „Cees Nooteboom“, in: Munzinger Online/KLfG – Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur, URL: https://online.munzinger.de/document/18000000334, (20.03.2026).
LUCASSEN, Leo, LUCASSEN, Jan, „The Strange Death of Dutch Tolerance: the Timing and Nature of the Pessimist Turn in the Dutch Migration Debate“, in: The Journal of Modern History, 87/1, 2015, S. 72-101.
HAVEN, Cornelis van der, „Goldenes Zeitalter und Jahrhundert der Aufklärung. Kulturtransfer zwischen den Niederlanden und dem mitteldeutschen Raum im 17. und 18. Jahrhundert“, auf: H-Sozu-Kult, H-Net Reviews. October, 2010. URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=31550, (27.03.2026).
NOOTEBOOM, Cees, Turbulenzen, Berlin, 2016. [Die Geschichten sind folgendem Band entnommen: NOOTEBOOM, Cees, Roter Regen, Frankfurt am Main, 2007. Titel der niederländischen Originalausgabe: NOOTEBOOM, Cees, Rode Regen, Amsterdam/Antwerpen, 2007.]
[1] BAHLKE, Michael, EICKMANNS, Heinz, „Chronik: Niederl ̈andische Literatur in deutscher ̈Ubersetzung (1. und 2. Halbjahr 2005)“, in: Nachbarsprache Niederländisch, Jg. 20, Nr. 1-2, 2005, S. 107-120, hier: S. 107.
[18] Vgl. HAVEN, Cornelis van der, „Goldenes Zeitalter und Jahrhundert der Aufklärung. Kulturtransfer zwischen den Niederlanden und dem mitteldeutschen Raum im 17. und 18. Jahrhundert“, auf: H-Sozu-Kult, H-Net Reviews. October, 2010. URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=31550, (27.03.2026).
[19] Vgl. LUCASSEN, Leo, LUCASSEN, Jan, „The Strange Death of Dutch Tolerance: the Timing and Nature of the Pessimist Turn in the Dutch Migration Debate“, in: The Journal of Modern History, 87/1, 2015, S. 72-101, hier: S. 72.
Die Infografik zeigt Luxemburgs Bevölkerung (682.000, 2025), fast ausgeglichene Geschlechterverteilung und einen hohen Anteil internationaler Einwohnerinnen (~47 %). Ergänzt werden Daten zu größten Gemeinden, Arbeitsmarkt
Die Infografik gibt einen Überblick über die Bevölkerung der Niederlande: rund 17,99 Mio. Einwohner (2024), hohe Bevölkerungsdichte und nahezu ausgeglichene Geschlechterverteilung. Ergänzt werden Daten zu
Die Infografik gibt einen kompakten Überblick über die Bevölkerung Belgiens – von Einwohnerzahl und regionaler Verteilung bis hin zu häufigen Vornamen. Sie zeigt anschaulich, wie