Cees Nootebooms Berliner Notizen werden oft als Reiseliteratur gelesen. Der Beitrag zeigt, dass der Text weit darüber hinausgeht: In essayistischer Schreibweise entwirft Nooteboom ein bewegtes Geschichtsbild Deutschlands, das Erinnerung, Wahrnehmung und historische Erfahrung neu miteinander verknüpft.
Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom (* 31.07.1933, † 11.02.2026) wird in der deutschsprachigen Presse häufig als Reiseschriftsteller dargestellt.[1] Beispiele einer solchen Bezeichnung finden sich etwa in aktuellen Nachrufen: so im Titel „Zum Tod von Cees Nooteboom. Unterwegs sein als Normalzustand“[2] oder auch in folgender Passage: „Er steigt in den Zug nach Breda, um von dort aus per Anhalter weiter nach Frankreich zu fahren. Der junge Tramp saugt alles in sich auf: Landschaften, Sprachen, Gerüche.“[3]
Tatsächlich hat Cees Nooteboom immer wieder Reisen in diverse europäische Länder unternommen. Davon zeugen sowohl der früh entstandene Text Turbulenzen; der zunächst in Zeitschriften- und Sammelbandform zirkulierte und erst später in Sammlungen und Übersetzungen aufgenommen wurde (eine selbständige Buchausgabe erschien unter dem Titel Turbulenzen 2016 im Wagenbach-Verlag in Berlin), als auch die Berliner Notizen“ die zuerst 1990 im niederländischen Original unter dem Titel Berlijnse notities bei De Arbeiderspers erschienen und bereits 1991 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Berliner Notizen bei Suhrkamp veröffentlicht wurden.
Aus dieser Perspektive lassen sich die aus konkreten Reiseerfahrungen entstandenen Werke durchaus unter dem Begriff ,Reiseliteratur‘ fassen, wenn man etwa an literarische Vorbilder wie Goethes Italienische Reise denkt. Davon abgesehen gibt es in der Forschung zu Nootebooms Berliner Notizen durchaus Stimmen, die diese genregemäße Zuordnung zumindest weiter ausdifferenzieren: Die Literaturwissenschaftler Jan Konst und Saskia Pieterse geben beispielsweise zu bedenken, dass Nootebooms erinnertes Ich dem Berliner Mauerfall mit einer eigentümlichen Mischung aus Nähe und Distanz gegenübertritt, die nur schwer zum klassischen Staunen des Reisenden zu passen scheint.[4]
Ausgehend davon und unter Berücksichtigung der detaillierten Beschreibungen deutscher Geschichte lassen sich die Berliner Notizen auch anders auslegen: als ein bewegtes Geschichtsbild Deutschlands, das durch essayistische Schreibweisen jene historischen Erfahrungsdimensionen sichtbar zu machen versucht, die historische Zeugnisse wie Fotos oder Dokumente nicht vermitteln können. Im Folgenden werden ausgewählte Stellen aus den Berliner Notizen unter dieser Perspektive einer Relektüre unterzogen: zunächst der mit „Grenzüberschreitungen“ betitelte Beginn, anschließend Nootebooms Erinnerungen an den Fall der Mauer und zuletzt die Darstellung des „Hermannsdenkmals“ als nationaler Erinnerungsort.
Der Fluss von Raum und Zeit
Dass es dem Text weniger um die Wiedergabe statischer Fakten als um eine Darstellung dynamischer Prozesse geht, zeigen die ersten Sätze:
(23. Januar 1963) Zu beiden Seiten der Autobahn ziehen weiße Landschaften in Richtung der anderen Teile Deutschlands. Wir fahren nun schon einen Tag über diese unwirklichste Straße Europas, eine Straße durch kein Land.[5]
Eingeführt wird hier eine Perspektive, die sich nicht durch Innehalten und Staunen kennzeichnet, sondern durch das Mitgerissensein im Strom der Zeit. Daran ändert auch die relativ genaue Datierung nichts, die das Erzählte zumindest vordergründig auf der historischen Zeitachse zu fixieren sucht. Was dieser essayistisch gewählte Beginn demgegenüber ausdrückt, ist die Erkenntnis, Teil eines Zeitstroms zu sein, der durch sein unentwegtes Fortschreiten und seinen beständigen Wandel gekennzeichnet ist. Doch je näher der Fahrer der Grenze zur DDR kommt, desto mehr verdichten sich die Zeichen der Umgebung zu historischen Markierungen: „Erst bei Helmstedt münden Vergangenheit und Politik in dessen Symbole, Bewacher und Wachposten, Fahnen, Absperrungen, Parolen.“[6]
Die aufgezählten Teile des staatlichen Überwachungsapparats wirken durch die Aneinanderreihung und die Abtrennung durch Kommata statisch und korrespondieren nicht mehr mit dem anfänglich hervorgerufenen fließenden Zeitempfinden. Das Auge des Betrachters, das zuvor noch frei durch die Gegend schweifte, ,stößt‘ sich im Wortsinn an den genannten Zeichen der Zeit. Das erzählte Ich wird von diesen Grenzmarkierungen gezwungen zu verharren. Die Zeit erscheint kurzzeitig durch Grenzkontrollen angehalten, was sich auch im Präsens des Verbs „ist“ ausdrückt: „Die Kontrolle hier ist einfach.“[7]
Was sich in diesem ersten Abschnitt zeigt, ist eine Gegenüberstellung zweier Formen von Zeitempfinden: einmal das ,Verfliegen‘ der Zeit im Zustand des Reisens, dann das Stehen der Zeit aufgrund von Grenzkontrollen. Der essayistisch-narrative Stil erlaubt es, dieses Empfinden unter historischen Bedingungen zu vermitteln: Das Gefühl, von den Wachtposten angehalten zu werden und nicht frei reisen zu dürfen, wird Teil einer historischen Narration. Dies erlaubt es, geschichtliche Vorgänge jenseits faktualer und rein berichtender Darstellung sichtbar zu machen.
Dass es Nooteboom durchaus um eine Reflexion dessen geht, wie Geschichte weitergegeben wird, manifestiert sich in den folgenden Abschnitten: Das erzählte Ich fragt direkt nach der Tradierung deutscher kultureller Identität: „Frage: Wer bewahrt das Erbe der deutschen Nationalkultur am besten?“[8] Dieses Zitat illustriert nicht nur den damaligen Konflikt zwischen der BRD und der DDR um die deutsche kulturelle Identität, sondern offenbart auch einen kritischen Blick auf nationale Selbstbilder. Unterstrichen wird diese skeptische Distanz wenig später in dem Kommentar: „Wie ungeheuer deutsch die Mauer ist. Ein Westberliner Taxifahrer formulierte es so: Dies hätte einem anderen Volk nicht passieren können.“[9]
Dieser Text präsentiert sich demnach weniger als Reiseerzählung, die primär auf staunende Wahrnehmung ausgerichtet ist. Vielmehr artikuliert sich ein Bewusstsein historischer Problemlagen, die immer wieder ins Blickfeld des Betrachters ragen und daher kaum ausgeblendet werden können. Diese Form des Geschichtsbewusstseins unterscheidet Nootebooms Perspektive von jener eines klassischen Reiseschriftstellers, der zwar auch reflektiert, aber weniger auf politische Konfliktlagen Bezug nimmt.
Geschichtsphilosophische Dynamiken
Dass Nooteboom sich im Laufe der Berliner Notizen immer wieder als ,Fremder‘ definiert[10], kann gemäß Konst und Pieterse tatsächlich als Zeichen von ‚Liminalität‘ aufgefasst werden. Der Begriff Liminalität ist eng verbunden mit dem von Arnold van Gennep geprägten Konzept der ,rites de passage‘: Ein Reisender verlässt im Laufe eines Transformationsprozesses seine ursprüngliche kulturelle Identität und alle sicheren Bindungen, um nach einem Zustand des ,Dazwischen‘ eine neue Zugehörigkeit zu entwickeln.[11] In diesem Sinne ließe sich argumentieren, dass der Reisende nach dem Übertritt der Grenze seine bisherigen sozialen und kulturellen Bindungen zumindest temporär zurücklassen muss, wie sich am ersten Grenzposten zeigt: „Die Kopie verschwindet in einer Schreibtischschublade. Auf ewig bin ich mit meinen 450 Mark, meinen 18 Gulden, meinen 20 Belgischen Francs aufbewahrt.“[12]
Dass er sich fortan als ,Fremder‘ bezeichnet, lässt sich aber auch noch auf eine weitere Weise verstehen: In einer weiteren Passage, die den Besuch des VI. Parteitags gewidmet ist, zeichnet Nooteboom auch das Bild einer Nation, die sich von sich selbst entfernt hat:
Es fehlen die Worte, um die hier herrschende hölzerne Wirklichkeit zu beschreiben. Es ist eine rückständige, infantile und veraltete Welt, aber eine Welt, die existiert, und nicht umsonst. Und genau diese Wirklichkeit, diese vertrocknete, begeisterte Vergangenheit, die eine Prophezeihung sein will, verursacht diese Entfremdung. Von Fragmenten erstarrter und dadurch gefährlicher Heilslehre umringt, stehe ich, ein durch und durch Fremder, in dieser Zukunft; es ist, als stünde ich hier schon einen Monat oder gar ein Jahr.[13]
Was sich hier verbirgt, ist nichts weniger als ein auf wenige Zeilen komprimiertes, differenziertes Geschichtsbild, verbunden mit einer Zeitdiagnose: Auf dem besuchten Parteitag beobachtet Nooteboom, dass die deutsche Geschichte sowohl verklärt als auch mit utopischen Heils- und Zukunftsversprechen aufgeladen wird. Aus den vermeintlich ,glorreichen‘ Taten der Vergangenheit soll sich daher eine utopische Wunscherfüllung ergeben, sofern man den Propagandisten Glauben schenkt. Dass Nooteboom diese Begeisterung für die deutsche Geschichte auf diesem Parteitag nicht nur wahrnimmt, sondern auch als Grund für eine grundlegende Entfremdung deutet, belegt sein geschichtstheoretisches Problembewusstsein: Indem die Vergangenheit dem Fluss der Zeit im Wege liegt, verhindert sie tatsächlichen Fortschritt.
Auch an einer weiteren Stelle in den Berliner Notizen schiebt sich eine solche Reflexion über das Vermitteln von Geschichte in den Vordergrund. Indem Nooteboom über das ,erstarrte‘ Erinnerungsvermögen von Fotografien nachdenkt, wird dieses Medium als Quelle historischen Wissens befragt:
[…] in siebzig Jahren werden Fotos von 1989 die gleiche Maske tragen, die des Abstands, der vergangenen Zeit, des späteren Wissens. Macht und Ohnmacht zugleich: Man hat Macht über die Toten auf diesen Fotos, weil man weiß, was passiert ist. Ohnmacht über etwas haben, erlaubt die Sprache nicht, und doch gibt es das. Man ist ohnmächtig, kann mit seinem überlegenen Wissen nirgends in diese Fotos eindringen, sie sind verschlossen, die fotografierten Menschen können uns nicht hören. […][…] sie rufen etwas. Ich kann sie nicht hören.[14]
Das Bild der in den Fotos eingeschlossenen, erstarrten Menschen zeigt, dass Fotos zwar Informationen enthalten, diese jedoch nicht immer korrekt an die Nachwelt übermitteln können. Es kontrastiert weiterhin mit dem ganz zu Beginn der Berliner Notizen evozierten Zeitempfinden: Auch die Fotografien entsprechen, ähnlich wie die erstarrten Parolen auf dem Parteitag, nicht dem tatsächlichen Fluss der Zeit.
Damit entwirft Nootebooms Text ein Bild der DDR, das durch ein bestimmtes historisches Verständnis gekennzeichnet ist: der Auffassung, dass die Vergangenheit etwas ist, das ebenso wie eine glorreiche Zukunft feststeht und nichts mit dem Gefühl fließender Zeit zu tun hat. Mit diesem Zustand des ,Feststehens‘ konkurriert ein dynamisches Zeit- und Geschichtsempfinden, das sich etwa an folgender Stelle zeigt: „Wie sieht ein Fisch den Fluß, in dem er schwimmt? Er kann nicht raus, um Abstand zu gewinnen. So ist es hier in Berlin.“[15] Indem Nooteboom sein erzähltes Ich immer wieder als im Fluss befindlich inszeniert, unterläuft der Text auf narrativer Ebene vorherrschende Geschichtsauffassungen.
Als Kristallisationspunkte eines solch statischen Geschichtsbildes zieht Nooteboom nicht zuletzt immer wieder Monumente deutscher Vergangenheit heran: So beispielsweise das in Detmold stehende Hermannsdenkmal, das er auch als Foto in den Text einfügt. Auf dem Bild erscheint die kolossale Statue von unten fotografiert, was den Eindruck einer sich in den Himmel ragenden, undefinierbaren Masse erzeugt.[16] Daneben findet sich ein ausführlicher Kommentar zur historischen Aussagekraft des Monuments:
Weil er nicht wusste, daß es Deutschland gab, konnte er auch nicht wissen, daß er es befreit hatte, dennoch ist auf seinem Schwert zu lesen: Deutsche Einigkeit meine Stärke, meine Stärke Deutschlands Macht. Geschichte, diese alte anachronistische Lügnerin, konnte es sich mal wieder nicht verkneifen.[17]
Geschichte als Lüge, Fiktion als Wahrheit: Nootebooms kritischer, distanzierter und verfremdeter Blick auf das historische Zeugnis lässt Raum für kritische Reflexionen. Indem er die Auffassung, dass nur im Faktischen geschichtliche Wahrheit liegen kann, durch Verfremdungen hinterfragt, eröffnet er neue Deutungsperspektiven nicht nur innerhalb der Literatur, sondern auch in der historischen Forschung.
Fazit
Eine solche Kritik ist etwas, das im Genre der Reiseliteratur nicht gänzlich verunmöglicht ist. Nootebooms bei näherer Analyse sehr tiefgreifende Kommentare und Analysen überschreiten das Genre jedoch produktiv. Daher nähern sich die „Berliner Notizen“ teilweise einer ernsthaften Zeitkritik an.
Am produktivsten erscheint es, diese Reflexionstiefe als Konsequenz eines französisch-essayistischen Stils zu sehen: Indem der Text nicht auf eine Erkenntnis hin konzipiert ist, aber bewusst die Suche nach dem eigenen Gedanken einschließt, kann es im Verlauf des Schreibprozesses zu überraschenden Einsichten kommen. Damit liest sich der Text nicht nur wie zeitgenössische Reiseprosa, sondern nähert sich auch der von Montaigne begründeten essayistischen Schreibweise an. Dies erscheint nicht zuletzt deshalb schlüssig, weil Montaigne das Reisen immer wieder zum Thema gemacht hat und somit ein wesentlicher Wegbereiter europäischer Reiseerzählungen gewesen ist.
Literaturverzeichnis
„Zum Tod von Cees Nooteboom. Unterwegs sein als Normalzustand“, in: deutschlandfunkkultur.de, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/cees-noteboom-schriftsteller-gestorben-nachruf-100.html, (06.03.2026).
„Im Alter von 92 JahrenNiederländischer Autor Cees Nooteboom gestorben“, in: tagesschau.de, URL: https://www.tagesschau.de/kultur/nooteboom-niederlande-schriftsteller-100.html, (06.03.2026).
KONST, Jan, PIETERSE, Jan, „Hoe ziet een vis de rivier waarin hij zwemt? Waarnemen vanuit een liminaal perspectief in de Berlijnse notities van Cees Nooteboom“, in: dbnl.org, URL: https://www.dbnl.org/tekst/_nee005201201_01/_nee005201201_01_0066.php, (06.03.2026).
NOOTEBOOM, Cees, Berliner Notizen, Frankfurt, 1991, S. 7.
WARSTAT, Matthias, Art. „Liminalität“, in: Metzler Lexikon Theatertheorie, Stuttgart, Weimar, 2005, S. 186-188, hier: S. 186.
Warnders, A., Art. „Nooteboom, Cees: Berlijnse notities“, in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.), Kindlers Literatur Lexikon (KLL), Stuttgart, 2020, Online unter: https://doi.org/10.1007/978-3-476-05728-0_12801-1, (11.03.2026).
[1] Vgl. Warnders, A., Art. „Nooteboom, Cees: Berlijnse notities“, in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.), Kindlers Literatur Lexikon (KLL), Stuttgart, 2020, Online unter: https://doi.org/10.1007/978-3-476-05728-0_12801-1, (11.03.2026).
[2] „Zum Tod von Cees Nooteboom. Unterwegs sein als Normalzustand“, in: deutschlandfunkkultur.de, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/cees-noteboom-schriftsteller-gestorben-nachruf-100.html, (06.03.2026).
[3] „Im Alter von 92 JahrenNiederländischer Autor Cees Nooteboom gestorben“, in: tagesschau.de, URL: https://www.tagesschau.de/kultur/nooteboom-niederlande-schriftsteller-100.html, (06.03.2026).
[4] KONST, Jan, PIETERSE, Jan, „Hoe ziet een vis de rivier waarin hij zwemt? Waarnemen vanuit een liminaal perspectief in de Berlijnse notities van Cees Nooteboom“, in: dbnl.org, URL: https://www.dbnl.org/tekst/_nee005201201_01/_nee005201201_01_0066.php, (06.03.2026).
[5] NOOTEBOOM, Cees, Berliner Notizen, Frankfurt, 1991, S. 7.
Die Infografik skizziert die Entwicklung des Benelux-Vertrags seit 1958 und die privilegierte Partnerschaft mit NRW. Sie zeigt Meilensteine wie die Vertragserneuerung 2008, den Mehrjahresplan 2009–2012
Dieser Artikel handelt von der Sagengestalt Melusine aus interkultureller Perspektive. Gefragt wird, inwiefern diese als Nationalsymbol Luxemburgs oder eher als Zeichen hybrider Identitäten lesbar ist.
Ein Gespräch mit Prof. Dr. Jeanne Glesener (auf Französisch) über die Vielsprachigkeit, die Entwicklung und die internationale Position der luxemburgischen Literatur – und darüber, warum