Melusine – ein Sinnbild luxemburgischer Identität?

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Dieser Artikel handelt von der Sagengestalt Melusine aus interkultureller Perspektive. Gefragt wird, inwiefern diese als Nationalsymbol Luxemburgs oder eher als Zeichen hybrider Identitäten lesbar ist. Die Analyse stützt sich dabei auf gedächtnistheoretische Konzeptionen zum Thema „Identität“ von Aleida Assmann.

In Form von Sagen, Statuen, Comics oder Kunstwerken erlebt die Sagenfigur der Melusine – einer Frau mit einem Fischschwanz – in Luxemburg jahrhundertelange Rezeption. Bereits im 1883 erstmals erschienenen „Sagenschatz des Luxemburger Landes“, einer schriftlichen Sammlung im Luxemburger Raum kursierender mündlicher Erzählungen, wird die Melusine zur Ahnherrin und Schutzpatronin des Landes erklärt. Ein weiteres Zeugnis für ihre anhaltende Bedeutung ist das folgende, in der „Luxemburger Illustrierten“, Nr. 23 (1929) abgedruckte Gedicht:

„Im Felsen des Bocks, in bezaubertem Schacht,

Da sitzt Melusina verborgen;

Es hält ob der Felsen die Hexe die Wacht,

Umgeben von schleichenden Sorgen.“[1]

In diesem Text wird sie als eine Art Beschützerin eines Turms und damit indirekt auch der Luxemburger Bevölkerung beschrieben.[2]

Doch ein Blick auf die Überlieferung dieser Geschichte zeigt, dass sie von Beginn an nicht nur kulturelle, sondern auch territoriale Grenzen überschritten hat. So existieren Bearbeitungen aus dem französischsprachigen sowie dem deutsch-westfälischen Raum. Darunter fallen etwa das heutige Frankreich, Belgien, Luxemburg und Deutschland. Daher kann die These vertreten werden, dass die Sagenfigur zugleich als Zeichen nationaler sowie gemeinsamer kultureller Identität funktionalisiert wird. Im Folgenden wird diese Doppelrolle der Melusinengestalt aus gedächtnistheoretischer Perspektive untersucht.

Melusina-EmoXie © Luxemburg – Let's Make It Happen.
Melusina-EmoXie
© Luxemburg – Let’s Make It Happen.

Die Grundgeschichte

Der Stoff der Melusinensage lässt sich auf einige Grundkonstanten reduzieren: In den meisten Fassungen begegnet ein junger Ritter einer weiblichen Gestalt in der Nähe eines Brunnens bzw. Flusses. Er weiß nicht, dass diese an sechs Tagen der Woche in Menschengestalt auftritt, sich am siebten Tag jedoch in eine Meeresfrau verwandelt. Bei der Heirat muss der Gemahl zustimmen, sie an diesem siebten Tag weder aufzusuchen noch anzusehen. Doch der Gatte bricht dieses Tabu, woraufhin Melusine ihn verlässt. In den meisten Fassungen hinterlässt sie gemeinsame Kinder.[3]

Luxemburger Fassungen (19. und 20. Jh.)

Der genaue Eingang dieser Sage in die Gebiete des heutigen Luxemburgs ist nicht klar belegt und in der bisherigen Forschungsdiskussion umstritten.[4] Ein Beleg für ihre kulturelle Präsenz findet sich im 19. Jahrhundert im bereits erwähnten „Sagenschatz des Luxemburger Landes“.[5] In einer darin verzeichneten Prosavariante des Stoffes fungiert die Gestalt als „Ahnfrau des Luxemburger Landes“.[6] Die Handlung wird dort in die Zeit „vor vielen hundert Jahren“[7] verlegt und damit implizit zu einer genealogischen Gründungssage Luxemburgs.[8] Besonders auffällig ist die Rolle Melusines als Schutzpatronin: „Auch soll Melusina jedesmal, wenn Gefahr und Unglück der Stadt Luxemburg droht, den Bockfelsen umkreisen und Klagelaute ausstoßen.“[9] Damit wirkt die Melusinenfigur wie eine Grenzfigur. Im Rahmen des kulturellen Gedächtnisses kommt einer derart mythisierten Geschichte, folgt man Aleida Assmann, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert eine Rolle als „[…] wichtiges Prägewerk nationaler Identität“[10] zu. Die Kraft dieses gemeinschaftlichen Selbstverständnisses fundierte sich vor allem aus der abgrenzenden Betonung kulturellen Eigenarten.[11] Die spezifische Ausprägung der Melusinensage in bereits genannten Textbeispielen kann als Beleg für solche kulturellen Eigenheiten gelten.

Die zitierten Bearbeitungen der Melusinensage erfüllen beide Zwecke: Sie kennzeichnen sowohl das spezifisch Eigene der Adaptationen durch die Verankerung im regionalen Raum als auch die mythologische Dimension einer Gründungsgeschichte. Für den Zeitraum des 19. und 20. Jahrhunderts kann die Melusinensage daher als Symbol nationalen Abgrenzungs- und Schutzbedürfnisses angesehen werden. Daraus lässt sich ableiten, dass sich nationale Identitätskonstrukte des 19. Jahrhunderts auch in der Tradierung der Melusinenfigur niederschlugen.

Formen der Sage heute

Diese Varianten kultureller Selbstverortung haben jedoch heute eher an Relevanz verloren. Betrachtet man die Wirkung der Melusine aus zeitgenössischer Perspektive, werden auch Deutungen jenseits nationaler Identitätsbildungen ersichtlich. Untersuchungen in der neueren Publikation „Not the girl you’re looking for“ (2011) analysieren etwa die Darstellung von Frauen in der Luxemburger Kunst und Kultur aus historischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive.[12] In diesem Sammelband wird die Kontinuität des Melusinenstoffs (auch) im Raum Luxemburgs deutlich. Ebenfalls manifestiert sich ein kritisches Befragen historisch tradierter Selbstkonzepte, wie Baltes-Löhr in einer Buchbesprechung anführt:

Der sich hier schon andeutende „andere“ Blick auf die Figur der Melusina soll in dem Werk vertieft werden: eine neue Lesart der luxemburgischen Melusina soll sich nicht auf die Frau als verratenes Opfer des Mannes fokussieren, sondern auf die der Figur möglicherweise inne liegenden verdeckten, versteckten, verschwiegenen Stärken – eine feministische Lesart also?[13]

Die Melusinenfigur gerät folglich zu einer zunehmend verbindenden Gestalt: Marginalisierte Kulturanteile, wie weibliche Stimmen, werden zunehmend sichtbarer. Damit wird ein Wandel in ihrer Wirkungsgeschichte vom Trennenden hin zum Verbindenden ersichtlich.

Wie Aleida Assmann bemerkt, basieren individuelle Identitätsentwürfe entweder auf Exklusion oder Inklusion.[14] Dieses Konzept lässt sich auf kollektive Zugehörigkeitskonzepte übertragen, wenn man die mythologisierte Fassung des Melusinenstoffs als Beispiel für eine Exklusion nicht erwünschter Stadtbesucher begreift. 

 So lässt sich an Melusine ein Wandel im kollektiven Bewusstsein ablesen. Aktuell offenbart sich neben nationalen Lesarten auch ein Paradigmenwechsel: von exklusiver zu inklusiver kollektiver Identität:

Die Figur der legendären Meerjungfrau Melusina im Grund Viertel am Ufer der Alzette in Luxemburg. Von Serge Ecker, entstanden per 3D-Druckverfahren.
© Saskia Vandenbussche

Europäische und Luxemburger Perspektiven

Dass sich der Stoff eigentlich einer identitären Festlegung entzieht, verdeutlicht nicht zuletzt die interkulturelle Rezeptionsgeschichte im europäischen, insbesondere im französisch- und deutschsprachigen Raum. Forschungen von Hans-Gert Roloff belegen, dass die Ursprünge der Sage im vorliterarischen Gallien liegen und die Geschichte zum ersten Mal in Gervasius Tilberiensis‘ „Otia Imperialia“ literarisch ausgestaltet wurde.[15] Daraufhin verschmolz in Poitou die Erzählung mit historischen Begebenheiten, genauer mit genealogischen Daten zum Adelshaus Lusignan.[16] Die so modifizierte Erzählung wurde durch Jean d’Arras und Coudrette schriftlich fixiert und in der Folge kursierte die Sage auch in benachbarten Gebieten wie Burgund und dem heutigen Luxemburg.[17] Die Version Jean d’Arras war es letztlich, die zu einem Luxemburger Nationalmythos stilisiert wurde: Der genannte Autor verfasste 1387 im Auftrag des Grafen Jean de Barry seine Fassung der Sage zur Verherrlichung des Geschlechts der Lusignan.[18] Diese Fassung diente vornehmlich der Sicherung des ländlichen Besitzes, was sich später in Darstellungen Melusines als Schutzpatronin widerspiegelte.

Das Kursieren der Sage in mehreren Kulturräumen legt nahe, dass ihr Gehalt das Nationale überschreitet. Ihr Fischschwanz lässt sich aus heutiger Sicht als Sinnbild für das Andere im Eigenen auffassen. Diese Figur lässt sich demnach ebenfalls als Chiffre nicht-dominanter Kulturanteile lesen. Auf diese Weise lässt sich eine zuvor verengte Deutungsperspektive auf die Figur ausweiten und der Fokus auf allgemeine, verbindende Elemente legen. Melusine fungiert demgemäß als sichtbare Darstellung hybrider Identitäten, z.B. luxemburgischer wie europäischer. Insgesamt lässt sich feststellen, dass am Beispiel der Melusinensage diachrone (inter-)kulturelle und identitäre Aushandlungsprozesse sichtbar werden.

Quellen

Primärliteratur:

GREDT, Nikolaus, Sagenschatz des Luxemburger Landes, Luxemburg, 1888.

N.N., Luxemburger Illustrierte, Nr. 23, 1929, auf: luxemburgensia, URL: https://luxemburgensia.bnl.lu/cgi/getPdf1_2.pl?mode=page&id=2035&option= (21.01.2026).

Sekundärliteratur:

ASSMANN, Aleida, Einführung in die Kulturwissenschaft: Grundbegriffe, Themen, Fragestellungen, Berlin, 2017.

Baltes-Löhr, Christel, „Not the girl you’re looking for. Melusina rediscovered. Objekt + Subjekt Frau in der Kultur Luxemburgs“, in: forum für Politik, Gesellschaft und Kultur 306, 2011, S. 51-56.

PETZOLDT, Leander, Historische Sagen. 1. Fahrten, Abenteuer und merkwürdige Begebenheiten, München, 1976.

ULLMANN, Elisabeth Jeanne, „Melusina in der luxemburgischen Literatur. Untersuchungen zum Umgang mit einem nationalen Mythos“, auf: education.lu, URL: https://share.google/Emmpq77v04g5MKJ1A , (21.01.2026).


[1] N.N., Luxemburger Illustrierte, Nr. 23, 1929, auf: luxemburgensia, URL: https://luxemburgensia.bnl.lu/cgi/getPdf1_2.pl?mode=page&id=2035&option= (21.01.2026).

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. PETZOLDT, Leander, Historische Sagen. 1. Fahrten, Abenteuer und merkwürdige Begebenheiten, München, 1976, S. 105.

[4] Vgl. ULLMANN, Elisabeth Jeanne, „Melusina in der luxemburgischen Literatur. Untersuchungen zum Umgang mit einem nationalen Mythos“, auf: education.lu, URL: https://share.google/Emmpq77v04g5MKJ1A , (21.01.2026).

[5] Vgl. ebd.

[6] GREDT, Nikolaus, Sagenschatz des Luxemburger Landes, Luxemburg, 1888, S. 7.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Petzold, Historische Sagen, S. 105.

[9] Gredt, Sagenschatz, S. 9.

[10] ASSMANN, Aleida, Einführung in die Kulturwissenschaft : Grundbegriffe, Themen, Fragestellungen, Berlin, 2017, S. 222.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Baltes-Löhr, Christel, „Not the girl you’re looking for. Melusina rediscovered. Objekt + Subjekt Frau in der Kultur Luxemburgs“, in: forum für Politik, Gesellschaft und Kultur 306, 2011, S. 51-56, S. 52.

[13] Ebd., S. 53.

[14] Assmann, Einführung, S. 217.

[15] Vgl. ULLMANN, Elisabeth Jeanne, „Melusina in der luxemburgischen Literatur. Untersuchungen zum Umgang mit einem nationalen Mythos“, auf: education.lu, URL: google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwikhLm8kZ2SAxXp_7sIHVRaBI0QFnoECCYQAQ&url=https%3A%2F%2Fportal.education.lu%2FDesktopModules%2FEasyDNNNews%2FDocumentDownload.ashx%3Fportalid%3D14%26moduleid%3D3335%26articleid%3D6783%26documentid%3D478&usg=AOvVaw0llp6YgE58KOWacFvrAPO4&opi=89978449 , (21.01.2026), S. 11.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd., S. 11f.

Bild von Sabrina Jordt (Autorin) & Saskia Vandenbussche (Betreuung)

Sabrina Jordt (Autorin) & Saskia Vandenbussche (Betreuung)

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