Europäische Traditionen, afrikanische Ästhetiken: der niederländische Maler Corneille

Inhaltsverzeichnis

Corneilles Kunst verbindet europäische Avantgarde mit afrikanischen Ästhetiken: Traum, Farbe, Fantasie und kulturelle Transgression verschmelzen zu lyrischer CoBrA-Kunst. Entdecke, wie Realität, Symbolik und Imagination in seinen Werken eine neue, poetische Bildsprache schaffen.

Der niederländische Maler, Bildhauer und Dichter Corneille hieß mit bürgerlichem Namen Guillaume Cornelis van Beverloo (1922-2010)[1] und ist als ein Mitbegründer der Gruppe CoBrA bekannt. Diese im Jahre 1948 aus einer Fusion der „Dutch Experimental Group“ mit weiteren Malern in Paris hervorgegangene Gruppierung zeichnete sich durch ihre kollektive Arbeitsweise und das explizite Wiederanknüpfen an die europäische Avantgarde-Bewegung aus.[2] Sie bestand u.a. aus dem Dänen Jorn, den Niederländern Constant, Karel Appel und Corneille sowie den Belgiern Dotremont und Joseph Noiret, die im November 1948 zur Beglaubigung ihres gemeinsamen Schaffens in dem Pariser Café Notre Dame ein Manifest namens “La cause était entendue” unterzeichneten, das sich auf den Titel des früheren surrealistischen Manifests “La cause est entendue” bezog.[3] Dieser Rekurs auf Fantasie und Gefühl bestimmte die Ästhetik dieser Gruppierung und damit auch jene Corneilles: ausdrucksstarke, von klaren Linien und satten Primär- und Sekundärfarben erfüllte Bilder[4] und eine Reaktualisierung von Spontaneität und Fantasie als bildnerische Kritik an einer in der Kunst nach 1945 dominierenden Rationalität und Abstraktion[5].

Porträt Corneilles (1995) © Wikimedia Commons

Im Speziellen wird Corneilles Werk (ebenso wie das seines Kollegen Karen Appel) in der einschlägigen Publikation Cultural History of the Avant-Garde als weniger philosophisch verglichen mit anderen CoBrA-Vertretern bezeichnet.[6] Vielmehr, so das genannte Werk weiter, ließ sich Corneille von außereuropäischen Kunstformen und Ästhetiken inspirieren, um sie in die europäische Avantgarde-Tradition einzubeziehen. Dies rückt ihn genauso wie Appel in eine ästhetische Nähe zu Picasso[7], dessen Kunst im Hinblick auf einen dargestellten ,Primitivismus‘ kontrovers diskutiert wird.[8] In der Tat wurde der Begriff ,Primitivismus‘ zumindest von Appel selbst in einem Brief an Corneille verwendet: „Appel wrote in 1947, for example, that he was „now making a powerful primitive work, more primitive than Negro art and Picasso” (Appel, letter to Corneille, 1947, cited in Birtwistle 2003: 25).“[9] Dennoch soll im folgenden Artikel diskutiert werden, ob dieser Begriff im Hinblick auf Corneilles Kunst angemessen erscheint.

Inwiefern lässt sich bei Corneille also von einer gleichzeitigen Reaktualisierung eines durch Picasso vertretenen Interesses an außereuropäischen und europäischen Ästhetiken sprechen? Auf den nächsten Seiten wird das Phänomen Corneille als eine spezifische Ausprägung der CoBrA-Ästhetiken entlang dieser Leitfrage zu beschreiben versucht. Dazu wird zunächst die Rolle der Fantasie in Corneilles Werken zu erfassen versucht, um anschließend auf die poetischen Elemente in seiner Kunst einzugehen. Schließlich wird Corneilles Relation zu afrikanischen Kulturen in Bezug auf sein künstlerisches Schaffen herausgearbeitet.

Reaktualisierung europäischer Kunstbewegungen

„La cause était entendue“, das Motto des anfänglichen Manifests von CoBrA, verweist auf die surrealistische Bewegung vor dem Zweiten Weltkrieg[10] und damit implizit auch auf eine hohe Relevanz des Traums als künstlerisches Gestaltungsmittel in Bildern, Filmen und Skulpturen[11]. Dieses hatte zum Ziel, die bürgerlichen Normen in Kunst und Gesellschaft zu hinterfragen und mithilfe der Fantasie zu einer höheren Wahrheit zu gelangen als in der Darstellung der Realität.[12] Ähnlich wie sein belgischer Kollege Magritte[13] praktiziert auch Corneille weniger eine Form der automatisierten Kunst à la einer écriture automatique, wie sie die französische Richtung des Surrealismus als paradigmatisch betrachtete[14]. Vielmehr suchte Corneille die Übersetzung des Traumhaften als etwas Fließendes, Imaginäres in eine Bildsprache zu übersetzen, die nicht die Signatur eines Automatismus trägt: „Ich praktiziere eine Malerei des Traums. Ich träume viel und letztlich ist meine Malerei eine Sukkzession meiner Imagination die mir dort alle Formen eingibt. Ich träume, während ich male,  und ich hoffe, dass ich die Zuschauer auch ein wenig ins Träumen bringe […].“[15]

Betrachtet man Corneilles Bilder und Skulpturen unter der Wirkung dieses künstlerischen Selbstzitats, so zeigen sich in seinen Gemälden tatsächlich spontan und ausdrucksstark wirkende Figuren, die im Rahmen einer Traumästhetik abgebildet werden. Dies rückt ihn auf der einen Seite näher an die Bilder Magrittes, die ebenfalls trotz einer traumähnlichen Ästheti  stets einen gewissen Realismusgrad in sich tragen: Ein Beispiel davor sind fantastische Werke wie „Golconda“ (1953), auf dem zahlreiche, fast identisch aussehende Menschen in modernen Anzügen vom Himmel in eine Stadt hinab regnen. Im selben Maße bleiben auch die Figuren Corneilles, wie die Tiermotive, immer in der Realität verhaftet. Sie erinnern nämlich trotz ihrer bunten Farben immer noch an in der Natur existente Körper.

Aufgrund ihrer Fragmentiertheit erinnern diese Formen jedoch nicht nur an belgische Surrealisten, auch an die u.a. von Picasso entschieden vorangetriebene Einbindung von Bildmontagen wie Zeitungsausschnitten oder weiteren Bildbruchstücken, die in die Totalität des Bildes hineingeklebt zu sein scheinen.[16] Diese Art der bildlichen Verfremdung provoziert die Frage nach dem, was wir als Realität wahrnehmen, und stellt demnach die Frage nach Bild, Abbild und Realität neu.[17] In dieser Hinsicht verstärkt sich die traumhafte Wirkung des Bildes bei Corneille durch eine Reminiszenz an Picassos Gestaltungsmethoden.

Pikturale Poesie

Nicht nur der Surrealismus und der Kubismus Picassos finden sich als gestalterische Signaturen in der Bildgestaltung Corneilles wieder. Ein in einer späten Schaffensphase gedrehtes Video über einen seiner zahlreichen Aufenthalte auf dem afrikanischen Kontinent dokumentiert seine Beziehung zwischen der sichtbaren Außenwelt und dem Kunstwerk noch einmal auf eine andere Weise: Der Künstler betont bei der Übergabe einer Skulptur einer einheimischen Frau an ein afrikanisches Dorf die Darstellung von deren Innenleben.[18] Dieser Fokus auf dem Unsichtbaren, das hinter der Oberfläche liegt, erinnert an die Ästhetik des europäischen Symbolismus: „In Abgrenzung von der detaillierten Wirklichkeitsbeschreibung im Realismus und Naturalismus zielt der S. auf die Darstellung von Ideen, Erfahrungen und Gefühlen, die hinter der sichtbaren Oberfläche verborgen sind.“[19] Auch die Darstellung der Seele der Frau, die sich hinter dem Augenschein verbirgt, lässt sich als symbolistisches Element in Corneilles Ästhetik verstehen.

Insofern ist Corneille ein pikturaler Poet, wie dies sein Dichterkollege André Laude in einem Interviewausschnitt hervorhebt:[20] „Ce monde-là est, pour moi, un monde tout à fait de poète car Corneille est avant tout […] un poète de fait.“ (Diese Welt ist für mich gänzlich aus Poesie gemacht, denn Corneille ist vor allem […] ein wahrer Poet.“[21]) Dies beschreibt eine Form des Schreibens bzw. künstlerischen Gestaltens, die hinter die Oberfläche des Zeichens nach einer anderen Wahrheit sucht und sich daher nicht mit oberflächlichen Bedeutung zufrieden gibt.[22] Insofern lesen sich seine Abbildungen – die nackten Körper, die Sonnen und Tiger, die fliegenden Vögel und Landschaften, in der Tat, wie dies das eingangs angeführte Zitat von André Laude zeigt, als eine Poetisierung der Welt: die gewohnte und bekannte Perspektive auf das Gesehene wird bewusst durch z.B. knallbunte Farben oder dekonstruierte und neu zusammengesetzte Körper verfremdet. Dies mag also ein Grund dafür sein, dass die New York Times Corneilles Malerei in einem Nachruf als „lyrical modernism“[23] charakterisiert.

Rêve d’afrique: kulturelle Transgression

Bis hierhin lässt sich daher konstatieren, dass Corneilles Kunst allein mit dem Begriff,Primitivismus’ nur unzulänglich beschrieben ist. Vielmehr treffen in seinen Werken verschiedene avantgardistische Strömungen aus der Beneluxregion und darüber hinaus aufeinander: Expressionismus in Form bunter Primärfarben und kraftvoller Pinselstriche, der Surrealismus durch das Anvisieren einer traumähnlichen Ästhetik und der Symbolismus durch den Versuch, über die Oberfläche der Wesen und Dinge hinauszugehen und nach einer tieferen Bedeutung hinter dem Augenscheinlichen zu suchen.

Dem ist jedoch ein weiterer sehr wesentlicher Aspekt hinzuzufügen, nämlich Corneilles hohe Wertschätzung und Einbindung außereuropäischer Kulturen. Wie ein von ihm in Auftrag gegebener und mit ihm gedrehter Film namens „Rêve d’Afrique – het afrikaanse gezicht van Corneille“ („Traum von Afrika – das afrikanische Gesicht von Corneille“)[24] zeigt, verbrachte Corneille viele Jahre in afrikanischen Ländern und lernte die Gebräuche und künstlerischen Ausdrucksmittel nicht aus einer Perspektive der Ferne und Distanz, sondern von innen heraus kennen. Beispielsweise arbeitet er vor der Kamera gemeinsam mit einem Dorfbewohner an der bereits erwähnten afrikanischen Skulptur und spricht mit diesem über die von ihm beabsichtigte ästhetische Wirkung. Außerdem referiert Corneille in einer weiteren künstlerischen Selbstaussage auf indigene Höhlenmalereien und deren Relevanz für sein eigenes Gesamtwerk. Diese Art und Weise des schöpferischen Umgangs mit afrikanischen Kulturen erinnert also an den von Picasso und weiteren zeitgenössischen Avantgarde-Vertretern etablierten ,Primitivismus’, d.h. einer Integration von Elementen außereuropäischer Kulturen in die eigene Ästhetik.[25] Nichtsdestoweniger geht Corneille darüber hinaus, denn es handelt sich nicht mehr um einen im europäischen Raum entstandenen Blick auf das ,außen-vor’-Liegende. Dadurch handelt es sich um einen anderen Grad der Evidenzialität.

Eine weitere Szene verdeutlicht das Bewusstsein Corneilles für die in afrikanischen Kulturräumen liegende Wahrheit: Der Film beinhaltet ebenso Aufnahmen seiner Streifzüge durch unbewohnte Wüstenlandschaften. So sagt er beim Anblick eines hohen, kahlen Felsens: „Het is een vorraad“ [Übers.: „Das ist ein Vorrat“].[26] Dies impliziert ein künstlerisches Selbstverständnis, das in der Realität der mit dem Auge wahrnehmbaren Natur verhaftet bleibt. Er bezieht sich in einem ersten Schritt auf den konkreten sichtbaren Referenten, um dieses schließlich auf der Leindwand oder in Form von Skulpturen mithilfe der eigenen Fantasie neu zu gestalten. Dieses Ausgehen von dem wahrhaftig Gesehenen unterscheidet ihn von einem ,Primitivismus’ à la Picasso, der sich den afrikanischen Kulturräumen lediglich von einem europäischen Standort aus angenähert hat. Insofern kann der Aussage, dass Corneille an dessen ,Primitivismus’ anschließt, nur bedingt zugestimmt werden.

Lesen Sie auch unseren Beitrag zum CoBrA Kollektiv: https://benelux.net/kunst-als-europaeisches-experiment-das-kollektiv-cobra-1948-1951/


[1] Vgl. Wesselink, Claartje, „The memory of World War Two and the canonisation of the Cobra movement in the Netherlands“, in: Journal of Art Historiography. Jg. 19, 2018 (online zum Download unter https://arthistoriography.wordpress.com/19-dec-19/), S. 5.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ØRUM, Tanja u.a., A Cultural History of the Avant-Garde in the Nordic Countries. Vol. 36: 1925–1950, Leiden, 2019, S. 168.

[4] Vgl. Wesselink, „The memory of World War Two“, S. 5f.

[5] Vgl. ebd., S. 6.

[6] Vgl. ØRUM u.a., A Cultural History of the Avant-Garde 36, S. 175.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Stepan, Peter, „,Primitivismus.‘ Sechs Thesen zu einem unzeitgemäßen Thema“, in: Paideuma 54, 2008, S. 223-228, hier: S.223.

[9] ØRUM u.a., A Cultural History of the Avant-Garde 36, S. 175.

[10] Vgl. ØRUM, Tanja u.a., A Cultural History of the Avant-Garde in the Nordic Countries. Vol. 36: 1925–1950, Leiden, 2019, S. 168.

[11] Vgl. Brohm, Holger, Art. „Surrealismus“, in: Trebeß, Achim, Metzler Lexikon Ästhetik: Kunst, Medien, Design und Alltag, Stuttgart, 2006, S. 373f., hier: S. 374

[12] Vgl. ebd., S. 373.

[13] Vgl. ebd., S. 374.

[14] Vgl. ebd.

[15] Corneille: The King Of Image (1984)“ (Kurzfilm), veröffentlicht von dem Jazz-Plattenlabel Gazell (Schweden) auf: youtube.com, URL: https://www.youtube.com/watch?v=5mtmOiMnIHM (23.10.2025). Übers. von S.J. Das französisches Originalzitat aus dem in diesem Video wiedergegebenen Interview lautet: „Je pratique une peinture de rêve. Je rêve beaucoup et finalement, ma peinture, c’est une succession de mon imagination qui, là, me dit toute sorte de forme. Je rêve en la faisant et j’éspère que le spectateur rêve aussi tout en peu […].“

[16] Vgl. Kaiser, Gerhard, „Collage/Montage“, in: Trebeß, Metzler Lexikon Ästhetik, S. 69.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. Rêve d’Afrique – het afrikaanse gezicht van Corneille“, auf: youtube.com, URL: https://www.youtube.com/watch?v=9_8VyLIYLDQ (24.10.2025).

[19] Duttlinger, Carolin, „Symbolismus“, in: Trebeß, Achim, Metzler Lexikon Ästhetik: Kunst, Medien, Design und Alltag, Stuttgart 2006, S. 375f, hier: S. 375.

[20] Vgl. ebd.

[21] „Corneille: The King Of Image (1984)“ (Kurzfilm), veröffentlicht von dem Jazz-Plattenlabel Gazell (Schweden) auf: youtube.com, URL: https://www.youtube.com/watch?v=5mtmOiMnIHM (23.10.2025). (Übersetzung ins Deutsche von S.J.)

[22] Vgl. Duttlinger, „Symbolismus“, S. 375.

[23] Robbins, Liz, „Corneille, Dutch Artist With a Lyrical Modernism, Dies at 88“, in: New York Times (06.09.2010), URL: https://www.nytimes.com/2010/09/07/arts/design/07corneille.html (24.10.2025).

[24] Vgl. Rêve d’Afrique. Übers. ins Deutsche von S.J.

[25] Vgl. Elberfeld, Rolf, Art. „außereuropäische Ästhetik“, in: Trebeß, Achim, Metzler Lexikon Ästhetik : Kunst, Medien, Design und Alltag, Stuttgart 2006, S. 47ff, hier: S. 47.

[26] Rêve d’Afrique. Übersetzung ins Deutsche von S.J.

Bild von Sabrina Jordt (Autorin) & Saskia Vandenbussche (Betreuung)

Sabrina Jordt (Autorin) & Saskia Vandenbussche (Betreuung)

Weitere Artikel zum Thema